Die Wahrheit mit dem Löffel gefressen: Realitätscheck

Ideologie beginnt dort, wo die Idee wichtiger wird als der Mensch. „Die Wahrheit mit dem Löffel gefressen, ist die katholische Kirche die einzig wahre?“ so lautete das gestrige Thema bei Theologie vom Fass in Wien. Ein gewisses Unbehagen sitzt mir immer noch im Magen. Bei manchen Unterhaltungen, denen ich so zuhöre, kommt es mir schon vor, dass es hier und dort eigentlich gar nicht mehr um den Gesprächspartner geht, sondern um den Versuch, die eigene Unsicherheit zu überspielen, indem man die Gegenposition niedermacht. Oder dass man sich nur selbst bestätigen will, indem man aus einer Überheblichkeit heraus auf das arme, noch nicht so erleuchtete Gegenüber weiterhin herabschauen kann. Das „Du“ ist mir in Wirklichkeit nicht so wichtig, sondern nur, dass ich Recht habe und Recht behalte, meine „Wahrheit“ verteidigt weiß.

Heute feiert die Kirche Elisabeth von Thüringen, für mich eine der bemerkenswertesten Frauen der Geschichte. Als Mutter von drei Kindern stand sie voll im Leben. Sie war eine leidenschaftliche Liebhaberin, die gegen die Gepflogenheiten ihrer Zeit immer neben ihrem Mann bei Tisch saß, die Trauergewänder anzog, wenn sie ihn nicht auf seinen Reisen begleiten konnte, die 4 Tage lang ihrem Ehemann in Richtung Kreuzzüge hinterher und dann mitgeritten ist, weil sie ahnte: aus Jerusalem, da kommt er nicht lebend zurück. Die ärmsten und elendsten der Armen setzte sie bei sich zu Tisch und pflegte die pflegebedürftigsten unter ihnen in den von ihr errichteten Spitälern. Zeitgenosse Konrad von Marburg berichtet von ihr als einer Mystikerin, dass wenn sie aus dem Gebet zurückkam, „ihr Gesicht häufig leuchtete, und aus ihren Augen Strahlen wie von der Sonne drangen.“ Gestorben ist sie mit 24 Jahren (!) aber mit einer Lebensfülle, von der viele von uns sich vielleicht wünschen würden, sie mit 80 erreichen zu können.

Für Elisabeth von Thüringen ging es nicht ums Debattieren oder um Rechthaberei und noch viel weniger um ein Regelwerk. Ihre Wahrheit hatte ein Antlitz, hieß Jesus Christus, und leuchtete vor allem in den Armen auf. Papst Franziskus sagte einmal, dass Wahrheit eine Begegnung sei. Die Wahrheit für Elisabeth war vor allem die Begegnung mit ihm, der von sich sagte, er sei die Wahrheit, die Wahrheit, die Liebe ist und Gott heißt. Von diesem Wahrheitsgehalt der fleischgewordenen, sich uns hingebenden Liebe Gottes ließ sie sich ergreifen und zutiefst verwandeln. Diese Verwandlung aber versetzte sie nicht in eine verkorkste weltfremde Ideenwelt hinein, eine Welt, in der man sich gerne abschottet, mit Gleichgesinnten beim Gebet und bei Kaffee und Kuchen heile Welt spielt und die Sünder verurteilt, um sich nicht wirklich die Hände dreckig zu machen, um nicht wirklich die Begegnung mit den Menschen zu suchen, nicht wirklich ihre Nöte, ihre Sorgen, ihre Herzschläge hören zu müssen. Durch ihre Berührung mit der Wahrheitsquelle, die Liebe heißt und Gott ist, ließ Elisabeth sich so durchtränken, dass sie selbst zu einer Quelle lebenspendenen Wassers für ihre Mitmenschen geworden ist. (Vgl. Joh 7,38)  Und das nicht, indem sie den Menschen Ideen aufdrängte, sondern indem sie sich ihnen hingab.

Was hat das alles bitte mit dem Thema der Berufung zu tun? Ich glaube sehr viel. Denn jemand, der sich überlegt, sein Leben ganz Gott zu schenken, dem muss es um dasselbe gehen, worum es Gott gegangen ist: den Menschen. Die Heimholung des Menschen in die Umarmung Gottes, die wirkliche Sorge um den Menschen, die ja auch mit der Verkündigung der Liebe Gottes einhergehen muss, ist vor allem und zuallererst die Verkündigung des eigenen Lebens. Wahrheit ohne wirkliche Liebe ist ein „dröhnendes Erz“ (1 Kor 13,1) „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.“ (1 Joh 3, 18)

P. George Elsbett LC (geb. 1972 in London) ist Hausoberer der Niederlassung der Legionäre Christi in Wien und Regionalkoordinator des Regnum Christi in Österreich. Er ist in Kanada aufgewachsen, trat 1993 in das Noviziat ein und studierte Philosophie und Theologie in Rom. 2003 empfing er die Priesterweihe und wirkt seither in Österreich, wo er sich auf Theologie des Leibes, Ehe- und Berufungspastoral spezialisiert hat.

Mehr Info zu P. George Elsbett: http://about.me/gelsbett  Siehe auch http://www.wohinberufung.com/

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