Was sind meine Beweggründe?

Warum will ich das, was ich will?

Nach der geistigen Gesundheit ist das letzte Kriterium, das es anzuschauen gilt, der Beweggrund, die Motivation. Der Grund, weswegen man sein Leben Gott weihen will, muss geistiger Art sein, muss übernatürlich sein. Hier geht es darum, was gewünscht wird. Eine übernatürliche Motivation zu haben soll heißen, dass diese rein menschliche Überlegungen übertreffen muss. Das heißt nicht, dass menschliche Motivation in einem Entscheidungsprozess keine Rolle spielt. Aber es geht um mehr.

Rein menschliche Beweggründe wären zum Beispiel:

  • „Ich will die Welt sehen, deshalb werde ich Missionar.“
  • „Ich habe gehört, dass dieser oder jener Orden eine gute Ausbildung hat, was ganz gut für meine Karriere wäre, und daher trete ich in diesen Orden ein.“
  • „Da bekomme ich die Bestätigung, die ich anderswo nicht bekommen habe.“
  • „Da muss ich mich nicht um meinen Lebensunterhalt kümmern.“
  • „Nach der letzten Beziehung will ich nicht, dass irgendein Mann mir noch mal nahe kommt. Ich bin zu verletzt.“
  • „Mir gefällt der Gesang.“
  • „Dort fühle ich mich wohl.“

Geistige, übernatürliche Motivationen wären zum Beispiel:

  • Der Wunsch, Menschen näher zu Gott zu bringen. Die Liebe zu Christus, die anspornt, sich Christus im Nächsten zu schenken. Der Wunsch, dass der Herr durch einen die Menschen lieben kann. Das heißt, christliche Nächstenliebe ist nicht reiner Humanismus. Auch eine Mutter Teresa hat keine NGO gegründet, sondern einen Orden von Schwestern, die den Herrn lieben und sich deswegen für die Ärmsten der Armen verausgaben.
  • Das Leben in einer Weise zu nutzen, die dem Herrn am besten gefällt.
  • Angesichts der Kürze der Zeit im Vergleich zur Ewigkeit etwas tun zu wollen, was Ewigkeitswert hat.
  • Der Wunsch, Gottes Barmherzigkeit den Menschen zu bezeugen.
  • Der Wunsch, Gott aus Liebe alles zu geben.
  • Dankbarkeit dem Herrn gegenüber.

Die größere Sorge um das, was man selbst und was andere vor Gott sein sollen – und weniger die Sorge um das, was man tun soll.

Die Motivation, Priester oder Ordensmann bzw. -frau zu werden, muss vor allem aus zwei Gründen eine übernatürliche oder geistige Motivation haben:

  1. Den Zwölfen, die der Herr erwählt hat, schärft er ein: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,8) Im Lukasevangelium taucht eine ähnliche Idee auf: „Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten.“ (Lk 14,13-14) Der Jünger hat kein Recht auf Rückerstattung, kein Recht auf Vergeltung. Der Jünger soll ein Fenster sein, das die unentgeltliche Liebe Gottes in die Welt scheinen lässt. Der Egoismus hingegen verleitet dazu, sich selbst in seinen Handlungen und Aktivitäten zu suchen, die eigene Bestätigung, Lob, Anerkennung, und Aufmerksamkeit. Umsonst – der Jünger muss leer von sich selber sein. Es darf nicht um ihn gehen, sondern um den Herrn. „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30). Der Gottgeweihte, der in seiner Berufung zuallererst sich selbst sucht, ist fehl am Platz.
  2. Das Charisma: Entweder das Individuum, das das Charisma der Berufung hat, oder das Charisma der Gemeinschaft, wenn es um eine Berufung in eine geistige Gemeinschaft oder einen Orden geht. Die Berufung ist in sich ein Charisma und ein Charisma existiert per Definition zum „Aufbau der Gemeinde“ (vgl. 1 Kor 14,12). Der Katechismus verweist hier auf das gesamte Kapitel 12 des 1. Korintherbriefes: „(Die Charismen) haben das Gemeinwohl der Kirche zum Ziel. Sie stehen im Dienst der Liebe, welche die Kirche aufbaut.“ Mancher wird die Annahme, dass die Berufung ein Charisma ist, als befremdend ansehen: Es stehe ja nicht in der Bibel, dass die Priesterberufung ein Charisma sei. Ich benenne die Berufung so. Erstens, weil die Beschreibung dessen, was ein Charisma ist, am besten mit dem charakterischen Merkmal der Berufungsgnade übereinzustimmen scheint: eine freie, übernatürliche Gabe Gottes, die über längere Zeit hinweg den Empfänger dieser Gabe befähigt, einen Dienst zum Aufbau der Gemeinde zu verrichten, die nicht einfach durch eigene Fähigkeit auszuüben wäre. Zweitens, wegen den Andeutungen der Heiligen Schrift – zum Beispiel im 1. Korintherbrief (12,28), wo Paulus von den Lehrern, Aposteln und Propheten spricht, oder im gleichen Brief (7,32-35), wo das Thema der Jungfräulichkeit behandelt wird, oder aber im Matthäusevangelium (19,12), wo Christus selbst sagt, dass es nicht jedem möglich sei, dieser Lebensform entsprechend zu leben, was wiederum auf die Notwendigkeit einer besonderen Gabe oder eines Charismas hindeutet. Drittens, weil nicht wenige Hinweise in kirchlichen Dokumenten das bestätigen, zum Beispiel Can. 277 CIC (das Kirchenrecht): „Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhängen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“ Folglich sollte der Berufene das Anliegen, die Gemeinde aufzubauen, in sich verspüren: Die Sehnsucht, sich für das Heil der Mitmenschen einzusetzen, den Wunsch, andere Menschen näher zum Herrn zu führen, durch das Leben der gemeinschaftlichen Nächstenliebe ein Zeichen der Liebe Gottes in der Welt zu sein und vieles mehr.

Also, dann doch fliegen?

Die Berufungsfindung ist ein Weg. Die Tatsache, dass einer nicht die besten Beweggründe hat, ist kein Knockout-Kriterium für seine Berufung zum gottgeweihten Leben. Es bedeutet aber, dass er tiefer graben muss. Er muss feststellen, ob sich mit der Zeit und der wachsenden Offenheit für Gott tiefere Beweggründe finden lassen. Die Tatsache, dass sich jemand von seiner Gefühlswelt beherrschen lässt oder keine echte Opferbereitschaft zeigt, muss auch nicht bedeuten, dass er keine Berufung hat. Doch muss er, wie auch der von oberflächlichen Motivationen bewegte Mensch versuchen, in der wahren Liebe, die die Opferbereitschaft mit sich bringt, zu wachsen. Denn diese wird er brauchen, ob er sich nun Gott schenkt oder ob er heiratet. Das ist ein Weg, denn Liebe wächst nicht, indem man darüber Bücher liest oder schreibt, sondern indem man sie übt, indem man liebt. Wenn man einen schwachen Willen und ein verformtes Gewissen hat, so sind das Warnlichter auf dem Berufungsweg, sie schließen aber eine Berufung nicht aus. Auch hier muss ein Weg gegangen werden, um unterscheiden und herausfinden zu können, ob, wie viele und welche Änderungen möglich sind.

Diese Serie “Wohin? Finde deine Berufung!” entstammt dem Buch von P. George Elsbett LC mit dem gleichnamigen Titel, mehr auf www.wohinberufung.com/ Foto: Pixabay (Stand: 25.02.2015)

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