Genuss mit oder ohne Verstand?

Dieser Blogbeitrag ist der 4. Teil der Serie zum Thema „Unterscheidung der Geister“. Es geht um einen Rückblick und einen Ausblick – die Unterscheidung im Kontext der Überleitung von der ersten zur zweiten Woche der Exerzitien von Ignatius von Loyola.

Eine Symphonie genießen

Wie wäre es, uns die vier Wochen der Exerzitien wie die vier Sätze einer Symphonie vorzustellen? Nach dem ersten Satz, in dem die Hauptthemen durch eine umfangreiche Instrumentation grundgelegt werden, folgt eine ruhigere Stimmung, welche in die Tiefe der ganzen symphonischen Thematik einführt. In analoger Weise schließt sich die zweite Woche der ersten an und leitet den Exerzitant eine neue Atmosphäre ein, in der ihm ein neuartige Trosterfahrung widerfahren soll. Es handelt sich darum, die Stimme Gottes in tiefster Vertrautheit zu erkennen, diese Stimme kennenzulernen.

Wann beginnt der feine Melomane, eine Symphonie zu genießen? Gewiss nicht beim ersten Anhören. Ins Staunen wird er ob der musikalischen Schönheit versetzt, die Genialität der Kompoisition überwältigt ihn, die Themen, die angesetzt und entwickelt werden, erscheinen ihm in der Aufführung wie ein Wunder. Wie kann man so etwas Schönes komponieren? Sicherlich ist das Staunen ein angenehmes Gefühl, aber es ist noch nicht die durchdringende Erkenntnis, sondern erst ihr Anfang. So geht der Zuhörer nach dem Konzert nach Hause und beginnt erst langsam, sich nach der Symphonie zu erkundigen, die er gerade genossen hat. Bei seiner Forschung will er klare Erkenntnisse über diese Musik gewinnen, dabei sucht er nicht nach dem Genuss. Er besorgt sich beispielsweise die Partitur und unternimmt den hartnäckigen Versuch, die Komposition eigenständig zu studieren, bis er die Ästhetik des Werkes bis zu einem gewissen Grad klar und deutlich erfassen kann. Erst dann, wenn er sie sich noch einmal anhört, kann er die Musik in ihrer Tiefe genießen. Genuss ohne Kenntnis ist auch etwas Schönes, und jedem Menschen wird dieses Erstes-Mal-Erlebnis irgendwie in irgendeinem Bereich auch geschenkt, damit seine Interessen überhaupt geweckt werden können. Aber jeder echte Kenner würde dafür plädieren, dass gründliches Wissen den Genuss nicht verdirbt, sondern diesen gerade noch um ein Vielfaches steigert. Sei es nun in Sachen der Sinnlichkeit, wie etwa in der feinen Gastronomie, oder eben auch wie im Bereich der Künste wie der Literatur, der Malerei, der Musik.

Wäre das nicht das Gleiche wie im Bereich der Spiritualität auch, insbesondere in Bezug auf die Erfahrungen durch die Exerzitien? Mit einer kurzen Darstellung der Übung der Höllenbetrachtung vom letzten Mal haben wir die erste Exerzitienwoche abgeschlossen. Was für eine Erkenntnis ist noch übriggeblieben? Was waren die Themen, die Ignatius in der ersten Woche aufgeworfen und der Exerzitant sie durchgeführt hat?

Der Genuss findet Tiefe durch den Verstand

Man hat vielleicht zum ersten Mal sein Selbst durch eine Reihe von Übungen wahrgenommen. Es gibt etwas im Menschen, was irgendwie beinahe eigenhändig lebt. Dies hat man kennengelernt, als die Unterscheidung der verschiedenen Empfindungen erkannt wurden. Es gibt im Menschen einen ständigen Widerstreit der Neigungen, und eine gewisse Unwissenheit wurde auch ebenso gespürt: Der Mensch weiß nicht alles, er weiß nicht immer darüber Bescheid, was er überhaupt will. In den Übungen über die Leere in der Seele wurde der Exerzitant mit seinem Selbststand in der ganzen Einsamkeit des Geschöpfes konfrontiert, wo auch das zerdrückende Gewicht der eigenen Existenz, welches in der ununterbrochenen Abfolge der Alltäglichkeit ans Licht gezogen wurde. Nun weiß er, nicht nur psychologisch deskriptiv, sondern vor allem auch metaphysisch, woher die Langeweile kommt, weshalb sie kommt, was die Trägheit ist, wie sie sich von der Faulheit unterscheidet, und was die zerstörerische Kraft dieser “Geister” sei. Aber er hat auch Einblick gewonnen in den Frohsinn seines Lebens, in die Freude des Herzens als eine sehr große Kraft. In der Übung, wo Ignatius von der Sicht Gottes spricht, lernt man die Allmacht der Vorsehung in ihrer ganzen Universalität kennen und sie auch zu schätzen. Das sind jene “Geister”, welche die Großzügigkeit, Freundschaft, Liebe, Treue, sanfte Geduld und vertrauensvolle Beharrlichkeit zuflüsterten. Dann aber gleich danach gab es wieder die Ängste, die Sorgen, den Ekel – wie Jean-Paul Sartre dieses Gefühl der alles verschlingenden Nichtigkeit genannt hat. Eine ganze Menge hat der Exerzitant durchleben müssen. Es ist unmöglich, diese Selbstkenntnis und diese Einsicht in alle Strukturen des Seins, insofern sie im eigenen Leben und in der Schöpfung manifestiert werden, auf einmal restlos zu erfassen. Hinzu kam, wie schon erwähnt, die fünfte Übung, die im Laufe der Spiritualitätsgeschichte nach Ignatius so viele Kontroversen ausgelöst hat, wie, ähnlich dem Ende eines Allegro-Satzes, gewaltige Timpanischläge, welche die erste Woche abschließen. Diese Übung scheint den Exerzitant wie in die Lage gänzlicher Betäubung versetzen zu wollen, denn es wurde ihm in dieser Höllenbetrachtung die härteste Prüfung der Existenz zugemutet, nämlich an dem Kelch der Gottverlassenheit anzunippen.

Es ist nicht das primäre Ziel der Exerzitien überhaupt, philosophische Begriffe und theologische Zusammenhänge zu erörtern. Aber der Exerzitant lernt einfach durch das praktische Üben der Spiritualität, so wie Ignatius die Übungen konzipiert hat, diese Sachverhalte wie von selbst besser und tiefer zu verstehen. Es ist auch nicht sinnvoll, in einer Schriftbetrachtung die genaueste Unterscheidung zwischen “Drang”, “Trieb” und “Wille” unbedingt zu erringen. Doch diese klare Einsicht wird einem dadurch geschenkt, dass er in den Übungen die Wirklichkeit dieser Sachen sich erlebend anschaut, sodass er den Sinn der Worte und Begriffe tiefgründig erfassen kann. Es ist nicht von ungefähr, dass den Jesuiten eine hohe intellektuelle Tradition nachgesagt wird. Eher scheint es plausibel, dass jemand, der diese spirituellen Übungen jahrelang, jahrzehntelang übt, auf natürliche Weise seinen Verstand so zu gebrauchen lernt, wie ein Handwerker meisterhaft mit seinem Handwerkzeug umgeht. Ignatius formuliert diesen Sachverhalt mit folgenden Worten, deren Klarheit kaum noch zu überbieten wäre: “Denn nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das durchdringende Verspüren und Schmecken der Dinge.”

Genuss ohne Wachsamkeit führt ins Leere

Nun geht es um “Verspüren” und “Schmecken”, also wiederum um den Genuss. Der Genuss aber hat einen besonderen Charakter, nämlich dass er den Geist äußerst wach hält. Jeder weiß, dass man beim Herumschlummern nichts auf rechte Weise genießen kann. Wenn der Geist nicht äußerst konzentriert und wachsam ist, versäumt man alles und erlebt an einem Erlebnis vorbei, sodass der nächste Augenblick sich wie ein gähnender Abgrund auftut. Das gilt auch für Genüsse ohne Verstand, die es keine sind, wenn man diese Phänomen auf das ganze Leben überträgt: Will man nur bequem leben, um die Leichtigkeit zu genießen, so lebt man am Leben vorbei, denn ein solches Leben ist keine Wachsamkeit, sondern nur die Trägheit. Mit der Wachsamkeit aber ist es für den Christen entscheidend, denn er weiß doch vom Evanglium, dass der Auftrag: “Bleibt wachsam!” die deutlichste Anweisung des Herrn ist, die offenkundig all Seine Worte zu tragen vermöchte. Das ist das Lernziel in der zweiten Exerzitienwoche, in der wir die Wachsamkeit lernen, um die Stimme Gottes wahrzunehmen, zu verstehen, Ihn selbst zu verstehen.

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