Der junge Philosoph

Der junge Philosoph – Auseinandersetzung mit Grundfragen

Ein Blick rückwärts in die Ursprünge

Der Erfahrung der frühen Christen folgend können auch wir heute Gedanken darüber anstellen, was die Botschaft unseres Glaubens wirklich vermitteln will. Dass die ersten Generationen von Christen nach der Apostelzeit sich der Philosophie zuwandten, ist eine bezeichnende Sache. Es war die Zeit der schweren Verfolgungen, in der eher sofortige, heldenmutige Taten als tiefgründige und geschliffene Denkansätze gefordert wurden, um den christlichen Glauben aufrechtzuerhalten. Dennoch wurden bereits Versuche unternommen, durch sorgfältiges Denken ein wohlwollendes Gespräch zu suchen, nicht nur mit der politischen Autorität des Römischen Reiches, sondern auch mit den damaligen berühmten philosophischen Schulen. Größenteils waren die Schriften der Christen in dieser Zeit sehr stark vom apologetischen Charakter geprägt, doch es lässt sich bereits erkennen, dass es sich nicht nur um eine Angelegenheit handelt, die lediglich durch äußere Umstände gedrängt wurde. Neben der Apologie wurden gleichzeitig denkerische Anstrengungen an den Tag gelegt, wo die Christen sich im Glauben und aus dem Glauben heraus im blutigen Ernst mit den nicht-christlichen Denkrichtungen und Lebenslehren auseinandergesetzt hatten.

Zu Beginn gab es noch keine christliche Philosophie und auch keine Theologie, ja nicht einmal einen Katechismus, den man zum Nachschlagen immer griffbereit hätte. Es gab noch keine Lehrgebäude, keine Systematik und auch keine Dogmen. Die Apostel Jesu Christi haben den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus aus Nazareth weitergebeben, sie haben das Zeugnis für Ihn mit ihrem Leben abgelegt. Diesen Glauben wurde kraft der Gnade des Heiligen Geistes von vielen angenommen, die die Taufe im Namen des dreifaltigen Gottes erhalten haben und Christen geworden sind. Sie stammen aus vielen Kulturen, doch sie finden sich zu dem einen Glauben und haben gemeinsam etwas wie ein Netzwerk ins Leben gerufen. Dieses Phänomen war von gewaltiger Tragweite für die weitere Entwicklung der Weltgeschichte. Darüber wurde und wird viel erforscht, um den jetzigen Stand der gegenwärtigen Gesellschaft, insbesondere im abendländisch- christlichen Kulturkreis, in ihrem Werdegang zu verstehen. Diesen Entwicklungsweg des Christentums in der Weltgeschichte nachzuzeichnen könnte so viel bedeuten wie eine Aufklärung für unsere Zeit zu versuchen.

Wie haben die Christen von damals es geschafft, ohne Vorbilder und ohne Theorien, ohne vorgemachte Vorschriften und wahrhaftig ohne nichts, in einer Welt Fuß zu fassen, dort zurechtzukommen und sich weiterzuentwickeln? Wie haben die Apostel ihre “Pastoraltheologie” getrieben, sodass sie so erfolgreich waren? In der Tat war es mit ihnen nie so leicht. Sie verfügten nämlich, wie erwähnt, über keine Theologie. Obendrein waren sie, mit der einzigen Ausnahme des Apostels Paulus, nicht so wirklich ausgebildet, ja nicht einmal in den Schriften der jüdischen Tradition, wo sie ursprünglich herkamen, eingeweiht. Allein und lediglich im Glauben an den auferstandenen Herrn haben sie gepredigt, aller vorherrschenden Philosophien (der Griechen sowie der Römer), Bräuchen und Sitten, Denkrichtungen und politischen Institutionen und deren Interessen (jüdisch sowie römisch) zum Trotz haben sie nur diesen Glauben an Jesus Christus weitergegeben. Sie kennen noch keinen Druck, wenn sie denken oder sprechen, die Diskussion darüber, ob es eine christliche Philosophie gibt oder nicht, war den Aposteln völlig fremd. Einfältig waren die Apostel, ihr Herz kannte keinen anderen als Jesus Christus, und ihr Verstand war nicht mit einer Vielzahl von den -ismen-Philosophien konfrontiert, ja sie kannten nicht einmal die Unterscheidung zwischen Theologie und Philosophie, oder sogar den weltberühmten Diskurs über Glauben und Vernunft.

Aus der Geschichte in die Gegenwart zurück

Nun haben wir heutzutage beinahe alles notwendige: Es fehlt uns nichts an Philosophien und Denkrichtungen. Und die Theologie, allein innerhalb des Katholizismus’, zeigt eine derartige Vielfalt an Lehrmeinungen und Inspirationen, sodass wir uns im Vergleich zu den frühen Christen, zumindest unter dieser Rücksicht, glücklich schätzen könnten. Denn es ist wahr, dass wir etwas Gutes haben, was sie nicht hatten. Durch zwei tausend Jahre hindurch hat der Heilige Geist der Kirche immer wieder neue Impulse gegeben, um sie in der Welt zu erhalten, sie in der Zeit wachsen zu lassen und sie immer mehr zu Christus hin, zu dem Omega-Punkt der Weltgeschichte, zu verwandeln. Kaum ist der riesige Schatz von den bewundernswerten Lehrgebäuden der katholischen Theologie, aber auch Philosophie, zu übersehen. Es ist nur die Frage, ob wir davon Nutzen ziehen können. In der Tat unterscheiden wir uns von den frühen Christen, mindestens in diesem einen Punkt, dadurch, dass sie kein Vorbild hatten, während wir es haben, nämlich sie selbst. Gewiss sind die Fragestellungen, die Schwierigkeiten und Probleme nicht absolut dieselben geblieben, und es ist auch mit Sicherheit wahr, dass wir in unserer Zeit nicht mehr durch eine blinde Rückkehr zu den Gewohnheiten und Praktiken unserer Vorfahren im Glauben Lösungen und Antworten für unsere Fragen finden können. Dennoch haben wir denselben Glauben wie sie, nämlich den Glauben an den auferstandenen Herrn, der durch alle Zeiten hindurch keinen Änderungen unterworfen ist. Deswegen ist es nicht abwegig, sondern richtig und nützlich, aus der Geschichte zu lernen.

Was aber kann aus der Geschichte für die Gegenwart gelernt werden? In diesem konkreten Fall können wir sehen, dass das Denken eine überaus große Rolle bei den frühen Christen gespielt hat. Wie schon dargelegt, die frühen Christen hatten noch kein Lehrsystem. Doch sie haben allen Ernstes versucht, in der Haltung des Gebets zu denken, um zu verstehen, was die Glaubensbotschaft für ihre Zeit zu bedeuten hatte. In der Haltung des Glaubens haben sie gedacht, um Gott zu suchen und zu finden. Die Haltung des Glaubens, ja der Glaube selbst, hat sie dazu veranlasst, überhaupt nun zu denken. Und zumindest in diesem Punkt können wir sehen, dass wir von ihnen lernen könnten. Wir lernen, angesichts der jetzigen Probleme und Prüfungen, im Glauben zu denken. Denn niemand kann sich es leisten, zu behaupten, der Glaube allein genüge ihm. In dem Fall würde es schon nach einer fundamentalistischer Drohung klingen, wenn der Mensch offenkundig auf das Denken verzichtet, um sich an Regeln und Vorschriften zu halten. Mit Sicherheit ist das nicht die Haltung der Christen.

Das Denken der Christen ist nunmal ein Faktum der Weltgeschichte. Die Christen haben aus ihrem Glauben heraus gedacht, als die Probleme der Zeit an sie herangetragen wurden. Geduldig und vertrauensvoll, ohne den Anspruch auf absolute Vollkommenheit zu

erheben, haben auch die Christen Philosophien gemacht. Die damalige sehr berühmte Schule zu Alexandrien stellt ein brillantes Beispiel dar, wie das Denken im Glauben gepflegt wurde. Gleichsam wird ersichtlich, wie wichtig das Denken für den Glauben ist.

Diese Schule existiert nicht mehr, das christliche Denken besteht aber immerfort. Durch alle Wandlungen der Geschichte hindurch, den Wechselkurs der Zeitalter mitgestaltend und sogar stark prägend, hat das christliche Denken glänzende Höhepunkte und abgründige Krisen durchlebt, und sie hat sich zu einer selbständigen Denklinie entwickelt, die man heute in der Vielfalt der Denkschulen auch als eine Lernrichtung wählen kann. Damit ist nicht gemeint, dass sie durch eine Selbstbestimmung, durch typische Denkformen oder Gewohnheiten, durch eine Reihe von Lehrbüchern und Traktaten, eingeengt. Damit ist nur gemeint, dass das Denken der Christen, die christliche Philosophie also (nur im Fall einer erlaubten Vorwegnahme der gffs. auszuführenden Thematik), nicht mehr so beliebig oder zusammenhanglos sei, sondern es hat einen Lehrinhalt, der für das Leben von heute für die modernen Christen nützlich sein kann.

In diesem Blog wollen wir gemeinsam versuchen, durch die Darstellung und Behandlung einiger Fragen eine Denkart zu präsentieren, die die christliche Prägung innehat und ihre Anschauung darbietet. Philosophieren bedeutet ja bekanntlich die Liebe zur Weisheit. Auch die Christen kennen in ihrem Glauben diese Liebe, doch es geht nicht nur um eine christliche Denkart, sondern vielmehr darum, dass dieses Denken auch eine Hilfe sein kann, wenn man sich mit den Fragen des Lebens sowie des Glaubens konfrontiert sieht. Deswegen gilt diese Einladung für alle, die im christlichen Glauben die Liebe zur Weisheit tun wollen.

Titelbild: Pixabay.com/de

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