Die Masken des Bösen

Das ist die Fortsetzung der Blogserie zum Thema Unterscheidung der Geister

Im Hinblick auf den ersten Schwerpunkt in der Zweiten Woche, wo Ignatius die Übung der Zwei Banner aufstellt, wäre es angebracht, noch einmal die Grundsätze der Unterscheidung der Geister zu vertiefen.

Nach einem ersten Eintauchen in die tiefen Gewässer des psychischen Lebens soll sich der Exerzitant bereits eine gewisse Beherrschung seiner Gemütslagen angeeignet haben. Er habe nun erkennen können, dass das, was ihn bewegt, nicht das Letzte ist. Er könne nun einsehen, dass sein Selbst etwas anderes ist als die Motive, die ihn zu bestimmten Taten hintreiben könnten. Das Umkreisen um dieses Selbst ist eine Übung, mit der man über Jahre trainieren sollte, um das eigene Antlitz, das die Person (Maske) ausmacht, zu erkennen. Wenn man sich noch von den verschiedenen Gemütsschwankungen hin und her schieben lässt, hätte man noch nicht das “Jenseitige” erkannt, wo das Eigentliche im Menschen wirklich verankert ist. Dort, wo der Mensch behaupten kann: Ich will es! Der Wille muss ja gebildet werden; aus den unterschiedlichen Triebkräften in der Seele soll der Wille herangebildet werden.

 

1 – Der Umgang mit dem Bösen

 

Nun, auf dieser Grundlage der Unterscheidung der Motive bietet die Zweite Woche eine weitere Übung, in der der Exerzitant noch tiefer in seine eigene Wesenheit eindringen kann. Es handelt sich nur um eine Vorbereitung auf die geistige Schlacht, die noch bald in der dritten Woche ausbrechen wird. Hierzu sei an diese Aussage Paulus’ erinnert: “Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs.” (Eph 6, 12) Man würde an dem Wesentlichen der Exerzitien vorbeigehen, wenn das, worauf es in diesen Übungen ankommt und wozu sie gemacht werden, unterschlagen und ersetzt wird durch andere Darstellungsweisen. Die Rede vom Teufel ist mehr oder weniger verharmlost worden. Der Erzfeind des menschlichen Heils, jener Mörder von Anbeginn, der Vater der Lüge – das sind ja Ausdrücke, die Jesus selbst verwendet hat, um den Teufel zu bezeichnen – ist zu einer netten literarischen Figur geworden. Erst recht wird die Rede von der Versuchung vermildert und jegliche Art vom inneren Drang oder Trieb (das sind verschiedene Sachen, wie in einer Stelle in den vergangenen Texten angesprochen wurde) wäre auf bestimmte Naturanlage oder soziale Umstände zurückzuführen. In den ignatianischen Exerzitien wird aber eine andere Umgangsweise mit dem Bösen gepflegt, nämlich direkt und unverhüllt. Denn die Beherrschung der Gemütslagen ist ein Zustand der Wachsamkeit des Geistes, der dem Menschen früher oder später einsehen lässt, was sich hinter all den schlechten Stimmungen oder Gedanken versteckt. Das ist nämlich der Satan, der “wie ein brüllender Löwe [der umhergeht] und sucht, wen er verschlingen kann.” (1 Petr 5, 8)

Was ist denn Versuchung? Es ist offensichtlich, dass wenn der Mensch im Rausch des Begehrens handelt, dann sieht er nichts als den Gegenstand seiner Begierde und hat nur eines im Willen: die Befriedigung. Aber ein in geistlichen Dingen geübter, durchtrainierter Mensch wäre in der Lage, eine fremde Stimme zu erkennen, wenn sie sich erhebt, um ihn zu etwas zu treiben, was seinem Lebensziel widerspricht. Was aber ist hier “Stimme”? Selbstverständlich ist das keine Stimme, die auf menschliche Weise hörbar wäre. Das ist eher eine Stimmung, die einen inneren Antrieb spürbar macht. Der Exerzitant erkennt die Falschheit in seiner Stimmung und kann sogar über den eigenen Sinn hinaus blicken, d.h., er kann über seinem Trieb stehen. Versuchung bedeutet ja gerade, wenn einem Trieb Widerstand geleistet wird. Der ganze Mensch identifiziert sich mit dem Trieb, der ihn innerlich antreibt und die Ruhe seiner Seele zerstört. Er selbst stimmte dem Trieb zu, indem er meint, er will das, wozu diese Kraft ihn hintreibt. Ist das nicht wahr, dass der Mensch im Ganzen begehrt, wenn er etwas begehrt? Deswegen entsteht ja etwas Unbehagliches, wenn dieser Trieb nicht befriedigt wird. Der Versuchte sieht und fühlt in den Augen des Versuchers; wie Eva, nach dem die Schlange auf sie eingeredet hat, ihre Augen auftut und auf einmal auf die Köstlichkeit des Baumes des Lebens und dessen Früchte aufmerksam gemacht wird. Unwiderstehlich ist dieser Blick, wie die Bibel sagt: “eine Augenweide”. Der Baum war immer da, aber Eva war nicht auf ihn so fixiert, wie sie nun ihren Blick ja gar nicht mehr davon abwenden konnte (Präteritum des Erzählens. Der Verfasser beabsichtigt somit keine exegetische Deutung, denn das ganze Augenmerk wird im Moment lediglich auf den spirituellen Aspekt dieser Bibelstelle gerichtet.), bis sie die Hand ausstreckte und nach ihm griff. Dieser Standpunkt war dann nicht mehr vom Satan, sondern vom Menschen, der ihn annimmt. Es war anders als bei Jesus, als Er in der Wüste gefastet und den Kampf gegen den Versucher geliefert hatte.

Jesus sah nicht nur mit den Augen des Versuchers, obwohl alle äußeren Anlässe Ihn dazu trieben. Er war hungrig, allein, bedürftig – wie ein Mensch es sein kann. Alle drei Mal hat Er aber mit dem Wort Gottes die Versuchungen zurückgeschlagen, sodass der Teufel sich zurückziehen musste. Sich in diese Haltung Jesu Christi hineinzustellen ist der Zweck der Übungen. Um sagen zu können: “Im Namen des Herrn, weich von mir, Satan!”, (Oder, um es anders zu sagen, „Hit the road, Jack!“J – Anmerkung Redaktion), muss man aber mit der Rüstung des Glaubens bewaffnet sein, wie Paulus sagte (siehe dieselbe Stelle im Epheserbrief). Aber wie kann man die Aussage machen, wenn man sich nicht darüber im Klaren ist, wer hinter den ganzen mörderischen Stimmungen und Gedanken steht? Der Mensch gibt meistens, und zwar von Natur aus (denken wir an die Erbsünde), seine ganze Zustimmung der Versuchung, sodass diese Übung beinahe die allerschwerste ist in den Exerzitien, welche aber unbedingt zu absolvieren ist. Um diese scharfe Unterscheidung zu vollziehen, kann der Exerzitant nicht umhinkommen, als langwierigeren Übungen der Demut zu machen, die dann am besten durch das Sakrament der Buße gestärkt wird. Indem man gesteht: “Ich bin es, der es getan hat! Ich habe begehrt, ich habe es gewollt, ich habe geprahlt, ich habe nicht die Wahrheit gesagt, ich habe es getan, ich habe versagt!”, legt man offen, dass dieses Ich noch einen anderen Willen hat als nur die unzähligen Triebkräften in seiner Seele. Wäre das nicht der Fall, wäre man auch nicht zur Beichte gegangen. Aber gleichzeitig wird gezeigt, wie stark und wie edel eine Seele sein kann, wenn sie sich nach Gott ausrichtet.

Dennoch ist die Übung der Demut auch eine Übung der Heiligkeit, denn nach dem Sakrament der Vergebung kann der Mensch sich wieder Gott nähern und von Ihm Trost und Stärkung erhalten. Ebenso wie Jesus, der die Versuchung besiegt und danach von Engeln umsorgt wurde. Das Sakrament der Eucharistie ist in dieser Hinsicht eine solche Stärkung, denn sie ist ja sowieso die Ernährung schlechthin für die Seele auf ihrem Pilgerweg.

Deswegen wäre es fatal, die Macht der finsteren Gewalten zu ignorieren. Diese Übung ist von grundlegender Bedeutung, um sich auf die Übung der Zwei Banner vorzubereiten, in der Ignatius dem Exerzitant in die Lage des großen Kampfes hinführt. Doch es gibt noch einen zweiten Faktor, den wir berücksichtigen wollen.

 

2 – Das Gespräch mit Gott

 

Für den Exerzitanten ist es eine Übung, das Gebet täglich zu verrichten. Er vollzieht sein Gebet nicht nach Laune und Lust, sondern in einer ernsten Disziplin und im Bewusstsein der Pflicht – auch wenn diese Disziplin in der Liebe seine Quelle findet. Es ist so ähnlich eine Pflicht der Liebe, wie ein Sportler mit glühendem Eifer seine Übungen macht, wie ein Künstler sich tagtäglich in seiner Kunst einübt, wie ein Bankier in unermüdlichem Fleiß stündlich auf den Wechselkurs der Währungen schaut, usw., kann der Mensch prinzipiell doch auch einen ähnlichen Enthusiasmus für Gott aufbringen.

Ignatius bietet hierzu praktische Hinweise und unterbreitet spirituelle Ratschläge, damit das Gebet gut geübt werden kann. Prinzipiell geht es darum, sich Gott zuzuwenden und sich für Seinen Ruf bereit zu halten. Der wesentliche Kern der ignatianischen Exerzitien könnte sehr wohl in dem Stichwort der “liebenden Schriftbetrachtung” wiedergegeben werden. An dieser Stelle wollen wir vielleicht nicht unbedingt über die Techniken des Gebets, oder die Art und Weise, wie man seine Gebetsstunde gestalten kann, lang und breit erörtern, denn es mangelt daran nicht an Literatur und Gelegenheiten. Wäre es doch sinnvoll, im Sinne der Exerzitien – der geistlichen Übungen also – eine Betrachtung dieser Übung selbst, aber im biblischen Sinne, heranzuziehen, denn es ist auch wohl in primärem Anliegen dieses Blogs, die Aufmerksamkeit der Leser auf diese Exerzitien zu lenken.

Was hat man dann von diesen langwierigen Übungen? Dazu aber wäre die Betrachtung des Himmelreiches, so wie Jesus es in Seinen Gleichnissen geschildert hat, von großem Nutzen. Das Himmelreich steht offenbar für das, was man erreichen will. Gott hat versprochen, dass Er uns die Erbschaft dieses Reiches in Christus Jesus schenkt. Doch wie kann man sehen, dass das Himmelreich schon unter uns angebrochen ist? Es wächst heran, langsam, dennoch unaufhörlich, unmerklich, aber unleugbar, so wächst das Himmelreich im Herzen des Menschen heran, wie ein Senfkorn, das ein Sämann auf seinen Acker gesät hat. In dieser Betrachtung geht es nicht darum, möglichst viele Auslegungsarten zu sammeln, um daraus eine schöne Wiedergabe zu schreiben. Vielmehr geht es darum, auf das “eigene” Senfkorn im Herzen zu schauen, die Pflege Gottes zu erkennen und ins Gespräch mit Ihm zu kommen. War es nicht Gott, der den Keim des Wortes ins Herz des Menschen sät? Er schaut darauf auf, dass dieser Keim nicht ausstirbt, sondern dass er lebt und tiefe Wurzeln treibt. Ein ganz wichtiger Punkt in diesem Gleichnis könnte aber die Dauer sein. Das gesäte Korn ist bereits in die dunkle Erde gesteckt, es muss von dort aufwachsen und bis zur Oberfläche emporsteigen, alle Hindernisse überwinden, um wieder das Sonnenlicht zu erblicken. Nun ist es kein bloßes Korn mehr, sondern bereits eine Pflanze, die sich im Licht der Sonne freut. Aber es dauert noch länger, bis die Pflanze Früchte trägt. Viel Unwetter, viel Regen und Hitze, all dem muss die Pflanze ausgesetzt werden, sie muss die Zeit durchziehen, bis die Früchte aus ihrer guten Natur hervorgebracht wird. Es verhält sich ebenso mit dem Himmelreich, das in einem Herzen gesät wird. Es wächst heran und verändert das Herz, welches es trägt, und es dauert lange, bis die Früchte ausgetragen werden könnten…

Mit Blick auf die Übungen könnte eine solche Betrachtung eine gewisse Hilfe sein, damit man nicht entmutigt wird, weil die Aussicht einer wahren Verwandlung immer noch hartnäckig wegbleibt.

 

Titelbild: Pixabay.com/de

 

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