Christliche Philosophie – was sie ist und was sie bringt

Was ist “Philosophie” und was lernt man in diesem uralten Fach?

Was für eine Methode könnte es geben, welche sich zur Einführung in die Philosophie als der beste Weg erweisen sollte, außer das, was die Natur der Dinge selbst uns seit Anbeginn des Menschlichen innerhalb der Geschichte bereits vorgelegt hat? Der Lehrling hört zu und harrt im Zuhören aus, bis er selbst wie sein Lehrer zu sprechen beginnt, gleich ein Säugling, der zunächst gar nicht spricht, bis sich aus seiner kleinen Kehle die ersten Laute bilden und diese dann in seinem Mund zu den ersten Worte ausgesprochen werden. Der Mensch lernt auf diese Weise, dass er in eine Tätigkeit hineingebracht wird, bis in ihm von selbst das Wissen um diese Tätigkeit verankert bleibt, sodass er wiederum selbständig dieselbe Tätigkeit ausführen kann. Es gibt wohl keine andere Methode, ja keine andere Möglichkeiten, für einen Studenten in Philosophie, sich der Sachen des philosophischen Denkens zu bemächtigen, als dass er zuhört, liest, mit seinen Kommilitonen spricht und diskutiert, eine Zeit lang, bis er eine leise Ahnung von den Begriffen, worüber er immer gemeint hat, sie verstanden zu haben, gewinnt und die ersten Umrisse deren großen Zusammenhang anfängt zu erblicken.

Wie lässt sich aus einem bloßen Wort wie etwa “Mensch”, oder “Leben”, oder auch “Existenz”, eine ganze Anschauung vom menschlichen Leben, von dessen Sinn, Ursprung und Ziel, herleiten? Doch es handelt sich im Studium der Philosophie darum, aus den scheinbar zusammenhangslosen Worten etwas zu errichten, um schließlich die wunderbare Wohlordnung der Dinge zu erfassen, in deren innersten Kern der Wille des Schöpfers verborgen liegt und darauf wartet, von der Liebesglut einer jungen und wahrhaftigen, eifrigen Seele erkannt zu werden, welche die Wahrheit liebt und sich ihr hingibt. Diese Entdeckung, diese Erkenntnis wird dann für den Suchenden eine große Freude sein, ja ein Erlebnis, welches ihn fortan prägt und den weiteren Verlauf seines Lebens bestimmt. Wohin dann nun?

Jene scheinbar zusammenhangslosen Worte sind die Begriffe, die des Öfteren in einem Philosophielexikon auf harmloseste Weise nach alphabetischer Ordnung aufgelistet werden. Man beginnt, beispielsweise, mit “Absurdität” und endet, wiederum nur ein Beispiel, mit “Zynismus”. Das Alpha und Omega der Philosophie scheinen kein freudiges Bild abzuliefern. Aber ist es im Leben anders? Und in der Natur wäre das nicht das Gleiche? Sogar in der Kunst? Lass uns einen gewissen Archetypus von Menschen anschauen, die ja in der Form eigentlich nicht existieren, oder nur teilweise und niemals direkt und unmittelbar erfahrbar.

Ein Unwissender weiß eben nichts, weshalb er auch ein “Unwissender” ist. Er blickt in die Natur hinein und sieht nichts. Ein Geologe hingegen erkennt die Strukturen der Landschaft und durschaut sogar deren Werdegang. Derselbe Unwissende geht nun ins Konzert. Als die Aufführung der Symphonie vollendet wird, bleibt ihn ihm nichts als ein Rauschen chaotischer Geräusche. Ein erprobter, ausgebildeter Zuhörer hingegen sei nun wie durch eine Klangwelt durchgewandert und behält in seiner Seele alle Schönheiten, welche die Komposition darbot. Derselbe Unwissende besucht ein Museum und schaut sich Bilder und Statuen an. Er sieht abgebildete Menschenformen oder Landschaften, verweilt grundlos eine Zeit lang bei diesem oder jenem Gemälde, in dem er etwas zu sehen meint, und geht wieder. Ein Zuschauer mit der künstlerischen Seele war hingegen nach einem solchen Besuch wie gebadet im Licht der Farben, wonnetrunken verließ er das Museum, innigst durchtränkt von den sinnlichen Liebkosungen ob der geistigen Vereinigungen mit den Gestalten und Formen der gemalten Leidenschaften der Künstler. Und der Unwissende besucht nun ein fremdes Land, er bereist Länder und Kontinente, um dieses Land zu besuchen, dessen Sprache er nicht versteht. Er belauscht aber ein Gespräch zwischen den Muttersprachlern. Er hört Laute und eine gewisse Musikalität, die wie ein Singsang, ein Getriller auf seine Ohren prasselt, doch der Sinn der Begriffe bleibt ihm verhüllt. Wäre das ein Gespräch zwischen zwei wahren Philosophen, so entgeht ihm auf grausame Weise die Aufführung der Tiefgänge der Gedanken der beiden vollends. Weshalb nur, wenn nicht, weil er ein Unwissender ist? Er schaut hin und erblickt nichts. Er horcht auf und versteht keinen Ton. Er nimmt vielleicht sogar einmal ein Buch in die Hand, schlägt die Seiten auf und überfliegt die Buchstaben, und doch gelangt er nicht zum Inhalt des Geschriebenen, ja nicht einmal zum Rande hinan.

Das Studium der Philosophie u.a. befreit den Menschen von einer solchen abgründigen Armut des Geistes. Das bedeutet aber nicht, dass die Philosophie einen Menschen zum Experten in allen Fächern macht. Schon deshalb nicht, weil der Reichtum des Geistes, den sie im Gegenzug zu dessen Armut darbietet, nicht darin besteht, überall und unter allen Umständen über ein tiefgründiges technisches Wissen zu verfügen. Die Philosophie bringt eher ein sanftes Licht dar, mit dem der Mensch die Welt, sich selbst, die Wege in der Welt und seinen eigenen Weg für sein Leben besser beleuchten kann.

Ist das die “Aufklärung”, welche “mit Notwendigkeit atheistisch sein muss”? Ist das jenes prometheische Feuer, vom Ofen der Götter aus dem unerreichbaren Olymp gestohlen und heimlich in die Lager der Menschen hineingebracht? Die Antwort lautet: Nein, das ist es nicht. Die Philosophie ist mehr als die Prägung, die sie herangebildet hat, denn sie stellt sogar diese in Frage und ist bereits, sie zum Sturz zu bringen, falls sie ein besseres Fundament findet. Und sie ist ein unablässiges Suchen nach diesem Fundament, auf dem sie ruhen kann. Denn die Philosophie wird beseelt von dem Menschen, der sie treibt. Sie ist das angeschaute Leben, das zuvor ausgelebt worden ist. Was aber ist das Leben? Ist es nicht wie ein Philosophielexikon, das mit “Absurdität” anfängt und mit “Zynismus” aufhört? Für einen Unwissenden ist es vielleicht so, weil er in seiner äußersten Armut die sämtlichen anderen Begriffe, die dazwischen enthalten sind, nicht lesen könnte. Es gibt im Philosophielexikon, sowie im Leben, nicht nur “Hass”, “Rache”, “Gleichgültigkeit”, “Verzweiflung”, “Verfall”, “Verwesung”, “Tod”, sondern auch noch “Vergebung”, “Schöpfung”, “Liebe”, “Freude”, “Friede”, und auch “Gott” und “Ewigkeit”.

Nun ist es nicht die Absicht des Verfassers, das Leben zu romantisieren oder die Philosophie zu einer süßen Romantik zu verderben. Vom Hass zur Liebe, so wie diese Sachverhalte nun mal im Leben sind, geht es nicht so schnell, wie wenn man im Lexikon von dem Eintrag “Hass” zum Eintrag “Liebe” durchblättern kann. Im Studium der Philosophie aber geht es darum, solche Verwandlungen zu lernen und selbst zu vollziehen. Ist es nicht etwa so spannend wie im damaligen Studium der Alchemie, als man noch aus Eisen und Erz Gold gewinnen wollte? Die Wissenschaft der Chemie hat sich weiter entwickelt und die Ära der eifrigen Suche nach dem “Stein der Weisen” ist nun in der Vergangenheit zurückgeblieben. Aber jene anderen Verwandlungen, nämlich aus “Depression” in “Freude”, aus “Unsinn” in “Sinn”, oder vielleicht “Frohsinn”, aus “Hass” in “Liebe”, aus “Feind” zum “Freund”, ja sogar aus “Tod” zum “Leben”, und mit Verlaub, “Leben in Fülle”, diese haben nichts von ihrer akutesten Aktualität gebüßt.

In diesem Sinne hat sich eine gewisse, skizzenhafte Antwort auf die eingangs gestellten Fragen ergeben: Philosophie ist gewissermaßen eine reflektierte Anschauung vom Leben und das Studium der Philosophie ist das Lernen solcher “magischen” Verwandlungen, um nicht nur das Gute zu erstreben, sondern das Erstrebenswerte zu vermehren.

Was ist „christliche Philosophie“?

Was ist die christliche Philosophie? Wie jede Philosophie ist die christliche Philosophie auch eine Anschauung vom Leben, vom Menschen und dessen Geschick. Insofern bietet sie nicht nur systematische Darstellungen zur Aufklärung theoretischer Fragestellungen dar, sondern sie stellt auch praktische Anweisungen bereit, welche dem alltäglichen Leben eine christliche Gestaltung verleihen sollen. Denn es kommt schließlich darauf an, was eine Philosophie dem Menschen als Hilfe darzubieten hat, sodass dieser glücklich leben kann. Die Christen haben eine christliche Sichtweise darüber, was sie unter “Glück” verstehen und wie der Weg aussieht, der zu einem glücklichen Leben hinführt. Das Leben auf Erden haben die Christen genauso wie die Nicht-Christen, doch ihr Christ-Sein ist es, was ihre Philosophie ausmacht. Das Christ-Sein aber ist die Nachfolge Jesu Christi, der für den Christen immer und unter allen Umständen im Vordergrund aller Überlegungen und Erwägungen im konkreten Leben steht. Christus ist das Zentrum der ganzen Anschauung eines Christen. Denn ein Christ ist deswegen “Christ” genannt, weil er an Christus Jesus glaubt und Ihm nachfolgt. Die christliche Philosophie schöpft sich aus dem Leben, das der Christ mit Jesus Christus in seinem blanken Alltag und doch auf mystische Weise teilt, um von dieser Begegnung, von diesem Zusammenleben her eine Erzählung anzufertigen, die er als Zeugnis seines Christ-Seins ablegt und es mit anderen teilt. Aus diesem Grund gibt es auch keine vollständige christliche Philosophie, denn jeder Christ erfährt und erlebt die Wahrheit Jesu Christi nur in dem Maß, so wie er sie selbst persönlich erfährt und erlebt. Die christliche Philosophie kann als eine allgemeine Bezeichnung für alle philosophischen Versuche gelten, die von Christen bereitgestellt werden, deren zentrales Anliegen die Erforschung und Verehrung Gottes ist. Sie ist aber keine einheitliche Systematik, die in sich abgeschlossen ist. Der Wahrheitsanspruch einer christlichen Philosophie zielt nicht darauf ab, absolut vollständig und für jegliche individuelle Lebenslage eine vollkommene Antwort zu sein, sondern darauf, im Suchen und Finden des göttlichen Willens, in der Nachfolge Jesu Christi das Gute mit anderen zu teilen, das dem Verfasser selbst zuteil geworden ist. Denn es handelt sich nicht nur um ein argumentum unum, welches die göttliche Existenz mit einer hervorragenden Beweiskraft einsichtig machen kann – ein solches wurde ja bereits vorgelegt – sondern vielmehr darum, die Nachfolge Christi in der jeweiligen Gegenwart lebendig zu gestalten und immerfort Zeugnis für Seine Wahrheit abzulegen. In diesem Sinne umfasst das Denken des Christen auch die Sinngehalte seines Glaubens, welcher auch der Glauben der katholischen Kirche ist, welche auf gewöhnliche Weise dem Fachbereich “Theologie” zugeordnet werden. Es gibt keinen Streit innerhalb des Denkens eines Christen. Wie soll es denn so etwas auch nur geben können? Er erhält den Glauben von der Kirche und lebt ihn kraft der Gnade Gottes selbst und selbständig aus. Er versucht zu verstehen, was die Kirche in ihrer zweitausend Jahren Erfahrungen als Erleuchtungen aufbewahrt hat; er versucht gerade in seiner eigenen Nachfolge zu verstehen, dass diese Lehre wahr ist und bedenkt all die Dogmen auf lebendige Weise, insofern Gott ihm auf seinem eigenen Weg es zu verstehen schenkt. Dieses Suchen des Glaubens nach der Einsicht (fides quaerens intellectum) in die eigenen Sinngehalte ist aber nichts anderes als das philosophische Nachdenken, denn die Sinngehalte des Glaubens sind – nicht alle, zumindest aber die elementaren – an sich auch Fragen der Philosophie, die ein Nicht-Christ auch stellen kann. Die christliche Philosophie wird aber angetrieben vom Glauben des Denkers, der sie treibt. Deswegen erschließt sie Sichtweisen und tut Horizonte auf, die ohne den christlichen Glauben hätten nicht gesehen werden können.

 

Titelbild: ©Olly / Fotolia.com

 

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