Träumen nach Größe – Wonach träumst du?

“Wollen unsere Träume Großes?” Auf diese Frage von Papst Franziskus kann verschiedentlich geantwortet werden. Doch ist die Frage selbst unmissverständlich: Offensichtlich stellt uns der Hl. Vater diese Frage nur in einem rhetorischen Sinne, denn es ist kaum möglich, Christus nachzufolgen und dabei kleinlich zu bleiben. Christus nachzufolgen bedeutet, sich auf Gott einzulassen. Kann es für den Menschen noch etwas Größeres geben als sich auf Gott einzulassen, den wir gemeinhin verstehen als das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann (Anselm von Canterbury)? Was aber kann es nur bedeuten, von etwas Großem zu träumen, im Sinne der Frage des Papstes? Nun im Rahmen dieses Blogs wollen wir auch versuchen, die gestellte Frage zu betrachten.

Wer Großes vollziehen will, muss sich darauf vorbereiten, viel Mühen und Beschwerde auf sich zu nehmen. Etwas Großes zu wollen, aber vor den Anstrengungen zurückzuschrecken, dann heißt es eben nicht Großes zu wollen, sondern nur große Illusionen zu haben. Was kann dann “groß” sein? Berge versetzen, im Sinne von gewaltigen Arbeiten zu leisten? Ein neues Zeitalter ins Leben zu rufen? Massen zu bewegen, sodass der Gang der Weltgeschichte mit titanischen Schritten nach vorne, in Richtung Frieden und Liebe, hinaus schreitet? Das sind nun mal wirklich kolossale Träume, an die man womöglich auch schon einmal gedacht hat, wenn man gerade ganz gut gelaunt war. Wenn die Laune ein wenig nach unten sank, dann zerplatzten auch wieder jene großen Träume. Die Nachfolge Christi aber ist keine Geschichte von Laune und Lust, sondern die Geschichte eines ganzen Lebens, welches sich durch alle Lebenslagen erstreckt, durch alle Launen, Lust und Unlust, hindurch mit sich selbst identisch bleibt.

Darin zeigt sich schon etwas Großes, etwas undenkbar Großes. Denn diese Nachfolge als eine Entscheidung für Gott ist bereits die Antwort auf die Sinnfrage: Wozu lebe ich? Um Christus nachzufolgen. Und darauf gibt es keine Frage mehr, da diese Nachfolge bereits die Perspektive der Erfüllung bereitgestellt hat. Die Sinnfrage lässt sich nur sinnvoll stellen, solange der Sachverhalt, auf den sie gerichtet ist, noch nicht das Letzte ist. Das Leben ist nicht das Allerletzte der Dinge, sodass dessen Erhaltung als eine gültige Antwort auf die Sinnfrage angesehen werden kann. Die Nachfolge Christi aber ist eine solche Erfüllung, denn sie verfolgt keinen anderen Zweck mehr als das endgültige Ziel der Liebe Gottes, welche nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Weshalb kann die Liebe Gottes nicht in Frage gestellt werden? Weil sie die Erfüllung aller Dinge, auch für den Menschen, darstellt. Die Erfahrung der Erfüllung ist es, in der wir den Sinn dieser Sache suchen und finden können. Jemand, der fragt: “Wozu die Erfüllung?”, kann darauf hingewiesen werden, dass er dieses Wort nicht versteht, sonst würde er die Frage erst gar nicht stellen. Dies ist auch in einer besonderen Vorstellung vom Himmel zu sehen: Man ist der Meinung, dass man auch dort der Langeweile zum Opfer fallen würde, wenn das Glück und die Glückseligkeit kein Ende, ja nicht einmal eine Änderung in der Intensität, hätte. Wenn wir aber auf diese Weise denken, haben wir noch nicht begriffen, was die Erfüllung ist. Wir hätten dann die Erfüllung nämlich uns nur als einen Zustand vorgestellt. Es geht aber darum, dabei das gute Ergebnis, die selige Folge, den guten Ausgang eines lebenslangen Suchens zu erfassen. Wer nicht sucht, kennt auch nicht die Freude beim Finden; aber wer nicht sucht, findet auch nichts. Die Erfüllung für das ganze Leben aber ist nicht etwas Kleines, sondern etwas wahrhaftig Großes.

Die Nachfolge Christi, als der lebendige Rahmen für die christliche Philosophie, ist aber genau dieses Suchen. Es ist nicht bequem, sondern meistens mühsam, wenn man nach etwas suchen muss. Dabei erschwert uns noch der Gedanke, dass etwas da gewesen ist und schon sehr nahe zu ergreifen war, was jetzt aber unwiderruflich verloren gegangen ist. Die Geschichte vom verlorenen Paradies bringt gerade zum Ausdruck, wie bitter der Geschmack des irdischen Lebens sein kann. Doch der Glaube an Christus stellt eine neue Perspektive dar: Er ist die Auferstehung und das Leben, er gibt sich für die Menschen hin, damit diese in Fülle leben. Er ist gekommen, um das zu suchen und zu finden, was verloren gegangen ist. Wenn das Paradies für den Menschen verloren gegangen ist, dann ist der Mensch für Gott auch verloren gegangen. Während wir nichts tun können, um das verlorene Glück zurück zu erobern, hat sich Gott auf dem Weg gemacht, um nach dem Menschen zu suchen, ihn zu retten, ihm die ganze Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes wiederherzustellen. Der Glaube an Christus ist auch der Glaube daran, dass dies möglich ist und dass dies im Ereignis der Menschwerdung des Ewigen Wortes, d.h. im Ereignis des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, Wirklichkeit geworden ist.

Also ist die Nachfolge Christi ist das Leben in diesem Glauben, dass es Gott gelingen kann, den Menschen zu retten. Und der Traum, die Freiheit und die Herrlichkeit in Gott zu genießen, ist ein großer Traum. Nur der Weg zur Verwirklichung dieses großen Traumes verlangt Vieles. Doch stellen wir uns vor, wie groß die Freude sein wird, wenn die Stunde der Vollendung endlich schlägt und der suchende Mensch das findet, wonach er Zeit seines Lebens gesucht hat, wofür er ALLES hingegeben hat! Es ist die Stunde der nicht endende Glückseligkeit, wenn der Menschen seinen Schöpfer von Angesicht zu Angesicht anschauen darf. Es wird dann Wirklichkeit, was wir uns hier auf Erden nur bildlich vorstellen können: Der Mensch spricht mit Gott wie mit einem Freund! Diesen Traum zu haben, das ist ausgesprochene Kühnheit, aber dieser Traum ist auch eine fesselnde Faszination, der unter keinen Umständen als eine Illusion hingestellt werden kann.

Hier auf Erden hat der Mensch viele Träume: von den größten Sehnsüchten von Menschen mit außergewöhnlichen Talenten, dass sie phänomenale Werke schaffen würden, die die Geschichte prägen sollten, bis zu den stillen, einfachen und lieblichen Freuden eines Sammlers der alten Münzen, wenn er eine neue Münze für seine Sammlung entdeckt. Nun ist das alles schön und gut, aber erschließt das alles nicht auf etwas mehr, was sich dem Menschen gerade zuwendet, sich ihm schenken will? Das ist der Schöpfer selbst! Kann derjenige, der alle Leidenschaften in der Welt in Erfüllung gehen lassen kann, ein langweiliger Gott sein? Gerade die leidenschaftlichsten Menschen würden dies nicht glauben können, denn sie erfahren die unermessliche Größe Gottes durch ihre eigenen Leidenschaften, denen sie keine Grenzen setzen wollen: Und Gott ist noch größer!

Um auf unsere Fragestellung: “Was ist nun groß?”, zu antworten, liegt es nun auf der Hand zu sehen: Gott ist es, wovon der Mensch träumen soll, wenn er Großes schaffen will. Die Nachfolge Jesu Christi ist der Weg, auf dem dieser Traum in Erfüllung gehen kann.

Written By
More from Anselmo Anduy

Der junge Philosoph – Auseinandersetzung mit Grundfragen

Ein Blick rückwärts in die Ursprünge Der Erfahrung der frühen Christen folgend...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.