Denken und Menschsein

Ein Mensch: Der denkt!

Das philosophische Denken ist im Leben verwurzelt, es entspringt dem Leben. Sobald das Leben bewußt gelebt wird, gibt es Philosophie. Es ist immer eine sehr große Spannung, von einem jungen Studierenden der Philosophie zu erfahren, was ihn/sie dazu bewegt haben mochte, sich für dieses Studium entscheiden. In der Tat ist es fast eine philosophische Forschung, wenn man genau wissen will, was für Motive, Beweggründe oder Umstände es sind, die einen jungen Menschen zu dieser bekannten “brotlosen Kunst” hintreiben. Aber noch interessanter ist es zu sehen, wie ein denkender Mensch sich mit den Fragen der Philosophie herumschlägt, besonders wenn er noch jung ist. Nicht selten hört man von der Erfahrung einer gänzlichen Enttäuschung von diesem Studium, doch es gibt auch Erfolge und Weiterführungen. Dabei meine ich nicht ein bloßes Fortschreiten auf dem Weg der akademischen Abschlüsse, sondern es ist wohl die Rede von einer grundlegenden Umwandlung des denkenden Menschen.

Diese Entwicklung bis zur gänzlichen Umwandlung im Inneren scheint nicht immer glücklich Hand in Hand mit den äußeren Erfolgen zusammengehen zu wollen. Nicht alle, die tatsächlich Philosophen geworden sind, haben einen Abschluss erringen können. Und natürlich stimmt auch der Umkehrschluss: Nicht alle, die einen Abschluss, oder sogar einen Titel haben, sind auch wirklich Philosophen geworden. Dennoch bleibt es da eine echte philosophia perennis: diese Leidenschaft zum Denken stirbt nicht aus, sie überlebt alle Revolutionen und übersteht allen Vorwürfen, den allerstrengsten Kritiken und aller schlimmsten Schmähungen. Zu allen Zeiten gibt es sie, diese Menschen, die denken, um zu leben. Seien sie in den Institutionen verankert, oder außerhalb den institutionellen Mauern bleiben müssen.

Wie lässt sich diese Wirklichkeit beschreiben? Versuchen wir es mit dem folgenden Blick:

Auf irgendeine Weise werden die philosophischen Werke seit der Antike, wenn wir nun bei den Griechen ansetzen wollen, nicht verloren gegangen. Man könnte fast darüber staunen, dass es den Verlegern zu verdanken sei, dass diese Bücher nicht verloren gehen, sondern dass sie aufbewahrt und von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Die Verleger machen es zu ihrem Geschäft: Sie geben Bücher heraus. Es ist nicht bekannt, dass ein Verleger auch ein Philosoph sein muss. Tatsache ist nur, dass ein Philosoph gar nicht einmal gelesen werden kann, wenn die Verleger seine Werke nicht herausgeben.

Es ist wohl beinahe ein Geheimnis, dieses dreifache Verhältnis zwischen dem Philosophen, dem Verleger und dem Volk. Alle drei haben ihre jeweiligen Leidenschaften. Der erste denkt und schreibt, der andere bringt heraus und kassiert einen Vermögen, der dritte liest und führt Klatsch und Tratsch darüber, was er halbwegs durchbuchstabieren konnte.

Das war nur eine Sichtweise über die Wege des Denkens und des Lebens in unserer Gesellschaft. Es gibt durchaus auch eine andere Sichtweise, die vielleicht netter und freundlicher ist. Das philosophische Interesse liegt eigentlich nicht dort, wie die Standpunkte und Ansichten gemacht werden, sondern darin zu erforschen, ob eine bestimmte Anschauung wahr ist. Denn, was vermag schon ein abgründig böser Sarkasmus? Kann er die Welt verändern? Er kann den Gang der Geschichte genauso wenig bestimmen, wie eine selbsttrügerische Beschönigung der Welt, die das ganze zerdrückende Übel wegzuerklären beabsichtigt. Aus diesem Grund geht es in der Philosophie nicht so sehr um eine Anmalung der Wirklichkeit mit bestimmten Farben, die dem Geschmack eines einzelnen oder einer Gruppe entsprechen. Vielmehr handelt es sich um die Suche nach dem, was wahr ist.

Eine gewisse innere Ruhe wäre nicht unangebracht, wenn man sich alle Ansichten und Standpunkte von anderen und von sich selbst durchprüfen will. Ist es nicht so oft der Fall, dass viele Ansichten von einer bestimmten Gemütslage bestimmt sind? Wenn man verbittert ist, sieht man schwarz. Wenn die Depression sich in eine Euphorie umschlägt, so ist die Welt in eine “la vie en rose” umgewandelt. Nun, die Laune des Gemüts ist gerade nicht so sehr zuverlässig. Es gibt eine andere Stimme im Menschen, die nach etwas Beständigem fragt, nämlich nach dem, was wahr ist.

Die Frage: Was ist Wahrheit?, ist bekanntermaßen eine philosophische Frage, die nicht nur Pilatus gestellt hat. Üblicherweise neigen wir dazu, durch die Erfahrung der Lüge eine Einsicht darüber, was Wahrheit sein könnte, zu gewinnen. Denn es ist eine universelle Erkenntnis, dass jeder weiß, was eine Lüge ist. Nun, ist das notwendig? Lässt sich die Wahrheitsfrage nur stellen, nur weil es die Lüge gibt? Die Lüge ist nicht unbedingt die Erzfeindin der Wahrheit, denn der Irrtum ist auch ein Erzfeind der Wahrheit. Auch wenn Lügen („gegen die Wahrheit reden oder handeln, um jemadnen zu täuschen, der ein Recht hat, sie zu kennen“ (KKK 623)) niemals gerechtfertigt ist, gibt es sehr wohl Umstände, in denen man Informationen vorenthalten kann und sogar muss (zB Beichtgeheimnis, das nicht Bekanntgeben des Verstecks von Juden während der Nazizeit usw.). Ein Irrtum aber ist immer sehr riskant, also sehr gefährlich. Es gibt Fälle, wo man durch seinen eigenen Irrtum zu den besseren Vorteilen gelangt, aber das sind Zufälle, die unberechenbar sind. In den Fällen, wo man durch die Irrtümer anderer zu den eigenen Vorteilen gelangt, handelt es sich um Betrug, was moralisch nicht zu rechtfertigen ist, wenn die Absicht des Betrügens nicht durch eine höhere moralische Zielsetzung gerechtfertigt werden kann, was aber auch wiederum nur in den Grenzfällen des Lebens vorkommt.

Die Vielfalt der Ansichten und Standpunkte, sei es in der Religion, in der Politik, oder sogar auch in den Wissenschaften, erst recht auch in den kleinlichen Fällen der alltäglichen Moral, könnte verwirrend wirken. Ein junger Mensch, der gerade noch alle Chancen hat, fragt sich nun, wo der rechte Weg zu gehen ist, und beginnt, Philosophie zu studieren. Was entdeckt er im Studium? Eine noch verwirrender Vielfalt von Ansichten und Standpunkten, die jetzt aber auf professionelle Weise in verhüllter Sprache dargelegt werden, sodass es scheinbar kaum noch Zugang zum Eigentlichen gibt. Eine solche Erfahrung ist gerade nicht erfreulich, aber nur für diejenigen, die im Denken keine Freude empfinden.

Nehmen wir an, dass es tatsächlich die Wahrheit gibt. Nur, sie muss gefunden werden. Das Suchen nach dem, was wahr ist, ist das Treiben der Philosophie. Auf dieses Suchen kann man sich nur verlassen, wenn man eine echte Leidenschaft, eine wahre Freude im Herzen empfindet.

Was wäre es, wenn es keine Wahrheit gibt? Formal gesehen ist es nicht schwierig, die Aussage, dass es keine Wahrheit gebe, als falsch zu entlarven. Man könnte höfflich und geruhsam darauf hinweisen, dass jene Behauptung schon einen Anspruch auf Wahrheit darstellt, andernfalls hätte sie ja darauf verzichtet, ernstgenommen zu werden, sodass, wenn es keine Wahrheit geben sollte, sie selbst widersprüchlich wäre. Gebe es also die Wahrheit als notwendige Voraussetzung für jegliche Behauptung überhaupt, dann ist die genannte Behauptung erst recht falsch, weil sie ja das Gegenteil hingestellt hat, nämlich dass es keine Wahrheit gibt. Diesen Fall nennt man gewöhnlich einen performativen Widerspruch.

Aber reicht es für das Leben aus, ein solcher formaler Beweis? Die philosophische Einsicht der Wahrheit verlangt mehr als das Formale. Denn, selbst wenn auf der formalen Ebene etwas mit Notwendigkeit eingesehen wird (wenn man nicht gerade so stur oder widerspenstig ist), so fehlt es noch die inhaltliche Füllung. Dem oben angeführten Argument zufolge gibt es also Wahrheit. Aber welche?

Diese Frage ist eigentlich die entscheidende Frage: Was ist dann wirklich wahr?

Es kann nicht der Fall sein, dass das Wahre allein in den Begriffen stecken bleibt. Wie verhält sich das Leben zu den Begriffen? Oder anders: Wie verhalten sich Leben und Begreifen zueinander? Ein Begriff dient dem Begreifen von Sachverhalten. Das Leben wäre aber nicht möglich, wenn der Mensch gar nicht begreift. Wenn der Mensch aber versucht, seinen Verstand zu gebrauchen, dann bricht für ihn nun ein Pandämonium von Begriffen aus. Die Begriffe der Philosophie sind es letzten Endes auch nur Benennungen, und der Philosoph verfügt über die Begriffe und hantiert mit ihnen, wie ein Handwerker seine Werkzeuge gebraucht. Ein Handwerker, wie ein Schreiner, gebraucht seine Werkzeuge, um Möbel herzustellen. Wenn ein Philosoph mit den Begriffen hantiert, was stellt er dann her? Vielleicht auch Möbelstücke, in einem abstrackten Sinne, die dazu dient, dass man den Innenraum seiner Seele einrichten kann.

Deswegen ist es immer ein richtiger Ratschlag, wie er schon seit Sokrates ausgesprochen und weitergegeben wird, dass ein Student der Philosophie den Ort der Begriffe in seinem eigenen Leben untersuchen muss, bevor er versucht, sie im Allgemeinen zu behandeln. Heutzutage gestaltet sich das Studium der Philosophie so, dass man zuerst bestimmte Texte verstehen muss.

Wenn man sich aber auf das eigene Leben konzentrieren kann, um sich selbst zu erkennen, könnte man dann nicht von dort her die anderen Texte besser verstehen? Denn die Philosophen haben sich auch auf ihr Leben konzentriert und etwas entdeckt, was wahr ist. Daraus sind Werke entstanden, die zum Bausteinen des Fundaments einer ganzen Zivilisation geworden sind.

 

Nächste Woche: Die Begriffe im Leben

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