Wahrheitssuche

Wahrheitssuche – Theorie, Perfektionismus und Wirklichkeit

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Wahreitssuche

Die Frage „Was ist Wahrheit?” ist eine Übung, die man oft wiederholen muss, um sich in das Denken einführen zu lassen. Zwar gibt es seit Anselm von Canterbury eine formale Definition der Wahrheit – Veritas rectitudo est –, und seither, insbesondere bei Thomas von Aquin – Veritas adaequatio rei et intellectus est –, sind mehrere Versuche unternommen wurden, bis wir in der Gegenwart, vor allem in der analytischen Philosophie, eine Vielzahl von Vorschlägen und Entwürfen zur selben Thematik haben. Doch es geht dabei um eine nicht endende Vertiefung in diesen Sachverhalt selbst und nicht nur um das oberflächliche Wissen von verschiedenen Ausdrücken. Es wäre nutzlos, alle Wahrheitstheorien zu kennen, ohne für sich selbst eine Einsicht in das Wahre des Lebens gewinnen zu können. Darum aber geht es, und es ist eine Aufgabe des jungen Philosophen in diesem Blog, sich in die Wahrheitssuche hineinziehen zu lassen.

Wahrheitssuche ist keine reine Definitionssache

Geht es nicht zuerst um eine Definition von Wahrheit? Denn wenn man nicht weiß, was „Wahrheit” ist, kann man sich auch nicht nach ihr ausrichten. Aber wenn man sagt, dass man sich nach der Wahrheit ausrichten will, dann muss man schon eine Vorahnung davon haben, was sie ist. Wir wissen aber alle, dass man auf diese Art und Weise, retorsiv zu argumentieren, letztendlich nur in Teufels Küche kommen würde. Man benutzt ja auch ein Argument der Retorsion nicht, um einen Inhalt darzulegen, sondern nur, um eine falsche Ansicht zu entlarven. Wenn es sich aber um Inhalt handelt, so muss man einen inhaltlichen Zusammenhang herstellen. In diesem Blog versuchen wir, auf bestimmte Situationen im konkreten Leben hinzuweisen, um die Wahrheitsfrage erst in ihrem Sinngefüge erscheinen zu lassen. Es geht nicht primär um eine Auseinandersetzung mit der ganzen Fülle der gängigen Wahrheitstheorien analytischer Herkunft, die den Begriff „Wahrheit“ auf ein Prädikat „wahr“ reduzieren wollen, um die angeblichen Funktionen in dessen Sprache zu studieren. Obwohl sich diese Theorien voneinander durch raffinierte Spitzfindigkeiten unterscheiden, befinden sie sich mehr oder weniger allesamt in einer Denklinie zusammengepfercht, in der der Suchende nichts mit dem, wonach er sucht, zu tun hat. Denn, was hat ein Mensch mit einem bloßen Prädikat zu tun? Wenn „Wahrheit“ nur eine harmlose Angelegenheit der logischen Analysen wäre, hätte es ihretwegen vielleicht nicht so viele Kriege, Freundschaftsbrüche und Missverständnisse unter den Menschen gegeben. Deswegen ist es womöglich auch nicht illegitim zu fragen, ob ein solcher Ansatz auch wahr sein könnte.

Wie angedeutet, wollen wir versuchen, auf einige Tatbestände im Leben hinzuweisen, um die Umrisse der Wahrheitsfrage in einem ersten Anlauf zu gewinnen.

Das Wahre versteckt sich in einer Sehnsucht und die Wahrheit zeigt sich erst in der Erfüllung dieser Sehnsucht. Schauen wir auf den Künstler und beobachten wir, wie er ein Kunstwerk erstellt, seine Kunst verfolgt und seine Ästhetik verfeinert. Wäre dieser Künstler ein Maler, so ist seine Erfahrung nichts als eine Jagd nach dem Wahren. Heutzutage ist es problematisch, von der Schönheit in Malerei und bildenden Künsten zu sprechen, wo doch die Konzepte so weit auseinandergegangen sind. Doch es ist nicht unmöglich, diese Erfahrung selbst zu machen. Nun, angenommen, wir wollen etwas malen. Vielleicht verfolgen nicht alle, die malen, ein Schönheitsideal, vielleicht wollen viele dabei nur eine psychologische Therapie durch „Kunst” durchführen, aber angenommen, jemand will wirklich etwas Schönes malen. Ich verfüge nicht über einen genügend großen Rahmen, um auch hier ein paar Künstlernamen zu erwähnen und ihre Kunst zu besprechen, doch wir wissen, wie z.B. bei Roberto Ferri, ein noch ganz gegenwärtiger Maler, eine gewisse Kunst mit deutlichen Konzepten des Schönen verfolgt wird. Mit diesem Beispiel will ich nicht andere Kunstkonzeptionen disqualifizieren, meine Absicht ist lediglich diese, dass wir eine künstlerische Tätigkeit in ihrer ganzen Anstrengung beobachten. Dort zeigt sich das Wahre: Wenn man etwas richtig machen will, erkennt man aus den Tiefen des eigenen Gewissens, ob das Erreichte schon wahr ist oder noch nicht. Es handelt sich dabei nicht um eine Aussage, wie schon Aristoteles die Thematik der Wahrheit behandelt – es ist wirklich nicht meine Intention, Aristoteles zu kritisieren, doch es wäre nicht ganz strafbar, für einen Moment seine Methode zu verlassen -­, sondern um ein unausgesprochenes Verlangen des Inneren, das sich aufdrängt. Die Übungen des Künstlers sind es, wo wir die Suche nach der Wahrheit exemplarisch beobachten können. Sie reden nicht, sie tun nur. Und sie harren aus, bis sie erreichen, was sie erreichen wollen. Dort zeigt sich wiederum im Kunstwerk, wenn der Künstler zufrieden ist, die Wahrheit. Diese Zufriedenheit ist aber auch keine Zusammenkunft zwischen einer angeschauten Idee à la Platon und dem, was da ist, sondern die Übereinkunft zwischen dem Wahren, das sich innerlich aufdrängt und dem, was nun nach außen hin realisiert worden ist, nämlich im Kunstwerk. Und ein Kunstwerk, in dem das Wahre wohnt, durch welches die Wahrheit des Künstlers sich zeigt, ist bekanntlich kein Prädikat in irgendeiner Aussage, sondern das Leben überhaupt.

Wahrheitssuche und Perfektionismus

Es handelt sich insofern aber nicht um einen Perfektionismus in der Wahrheitssuche, sondern um eine Übereinstimmung zwischen dem, wonach gesucht wurde und dem, was daraus gemacht worden ist. Dass ein guter Künstler bei allen seinen Anstrengungen kein Perfektionist ist, liegt eigentlich auf der Hand: Er sagt, wenn er zufrieden ist, dass sein Werk gut war, auch wenn es auf dem Gemälde noch Unvollkommenheiten gäbe. Dies erinnert uns natürlich an den Künstler aller Künstler, den Urheber alles Schönen und der Schönheit schlechthin, nämlich an Gott, so wie der Genesistext Ihn darstellt. Nachdem das Schöpfungswerk vollendet war, sah Gott sich es an und sah, dass alles sehr gut war. Er war also zufrieden mit dem, was Er gemacht hatte. Es wurde nicht gesagt, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei, sondern nur, dass das, was Gott geschaffen hatte, sehr gut war. Zwar hat sogar Thomas von Aquin, später dann Leibniz, argumentiert, dass Gott aufgrund Seiner Liebe das Beste getan hat, da Er uns nichts vorenthält. Aber dieses Nichts-Vorenthalten beinhaltet nicht, dass die Vollkommenheit Gottes etwas Abgeschlossenes sei. Ferner könnte man darauf hinweisen, dass gerade der Sündenfall des Menschen etwas Unvollkommenes in der Schöpfung darstellt, zwar nicht wegen Gott, aber doch innerhalb Seiner Werke. Diese Denkweise verschließt sich deswegen in einer Sackgasse, gerade weil sie nach allen Seiten hin eine Art Vollkommenheit nach den Maßstäben des jetzigen Urteilens definieren will. Wie wäre es, den Sachverhalt von Schöpfung und Erlösung, vom Sein im Ganzen, offenzulassen? Offenzulassen heißt nicht Relativismus, sondern will auf ein offenes Gespräch hinweisen, das noch im Gang ist und noch nicht beendet wird. Es vor der Zeit zu einem guten Ende führen zu wollen, das ist geradezu Perfektionismus, das Gegenteil vom Relativismus, und der Perfektionismus ist aber Sache des Schülers, nicht eines Meisters. Jenes Offenlassen fordert in der Tat mehr Anstrengung als der Perfektionismus. Eine perfektionistische Haltung ist immer verkrampft, verdreht, unnatürlich und unangenehm, weil sie nicht auf einem festen Boden ruht, während eine lockere Grundeinstellung gerade die Erscheinung von einer fundierten Grundlage im Inneren ist.

 

Dieser Blogbeitrag ist Teil unserer Rubrik, „Der junge Philosoph“ und will junge Menschen zum kritischen Denken anregen. Die hier wiedergegebenen Meinungen und Ansichten sind die des Autors. Sie müssen nicht mit der Meinung des Zentrum Johannes Paul II. übereinstimmen. Allerdings wird der Autor als gründlicher, kritischer Denker von uns geschätzt, der zugleich eine große Liebe zum Glauben und zur Kirche hat.  

Titelbild: pixabay.com/de

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4 Comments

    • Lieber Pater George, vielen Dank für Ihre Frage, die mich sehr gefreut hat! Im Folgenden versuche ich, eine Antwort darauf zu skizzieren.
      Der Begriff „Vollkommenheit“ wird des öfteren auch so verstanden, dass, wenn etwas vollkommen ist, dann ist es unüberbietbar, sodass dem nichts mehr hinzuzufügen wäre. Dies hat etwas Endgültiges, Vollendetes, Abgeschlossenes in sich. Dieser Aspekt zeigt sich deutlich bei einem Kunstwerk, das der Mensch herstellen kann, sei es ein Gedicht, eine Statue, eine Symphonie, oder sonst auch etwas anderes, was als Ergebnis eines bewußten, zielorientierten Strebens angesehen werden kann.

      Mit der Vollkommenheit Gottes ist es aber nicht so zu verstehen. Die besten, ja „vollkommenen“ Erörterungen hat Thomas von Aquin in der q. XXVIII seiner „Summa contra Gentiles“ dargeboten. Um kurz zusammenzufassen, möchte ich nur darauf hindeuten. dass das „Vollkommene“ in der menschlichen Erfahrung etwas ist, was gemacht wird. Gott aber ist nicht etwas, was erst werden muss, geschweige denn gemacht werden muss. Gott selbst ist in absolute Fülle all dessen, was für den Menschen je erstrebenswert ist. In diesem Sinne ist die Vollkommenheit Gottes nicht etwas Abgeschlossenes, sondern eine absolute Fülle, eine Offenheit auf Unendlichkeit hin.
      Der Hl. Thomas hat zum Abschluss seiner Behandlung noch betont, dass der Gebrauch des Begriffs „vollkommnen“, aus dem dargelegten Grund, Gott eigentlich nicht in angemessener Weise zugeschrieben werden kann („Sciendum tamen est quod perfectio Deo convenienter attribui non potest…“), sondern nur in Anlehnung an das Wort des Herrn im Mt 5: „Estote perfecti sicut et Pater vester caelestis perfectus est.“
      Ihre Frage ist sehr anregend, auch wenn sie nur ein Detail im Text berührt. Doch es wäre hier die Gelegenheit zu erwähnen, wie wichtig die Gotteslehre ist und wie grundlegend sie für eine christliche Philosophie bedeutet. Nach unserem jetzigen Thema der Wahrheit könnten wir uns gerne deren inhaltlichen Füllung, nämlich in der Wahrheit des Glaubens, insofern sie dem Vermögen der menschlichen Vernunft empfänglich ist, die Gotteslehre also, zuwenden. Die Einsichten des Glaubens, welche für die Christen eine Anbetung ist, nämlich dass Gott vollkommen, allmächtig, allwissend, gerecht und gütig ist, werden heutzutage hier und da zugunsten eines „Anthropozentrismus“ einfachhin aufgegeben. Z.B. zu sagen, dass Gott nicht allmächtig sein kann, weil es das Böse auf der Welt gibt; oder dass Er nicht allwissend sein kann, damit der Mensch frei sein kann. Dies und Ähnliches sind es Ansichten, die nicht richtig sind. Ich hoffe, auf diesem Blog noch Gelegenheit zu haben, darauf eingehen zu können.
      Haben Sie nochmals vielen Dank, lieber Pater George, und ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

  • „Offenheit, auf Undendlichkeit hin“ – das gefällt mir gut… lässt mich an ein anderes Thema denken, nämlich, die Vorstellung, die manche von Himmel als einen art eingefrorenen Dauerzustand & nicht als etwas dynamisches, radikale Fülle von Leben, eben auch keine „abgeschlossene Erfahrung“

  • der Ausdruck „radikale Fülle von Leben“ ist sehr interessant. Zu diesem Thema habe ich eigentlich schon einmal in einem anderen Text erwähnt, und zwar eigentlich in der gleichen Richtung. Die Vorstellung, dass das Himmelreich langweilig ist, entstammt einem Lebensüberdruss und nicht einer kraftvollen Hoffnung. Wie im Evangelium der Herr so oft von diesem Leben in Gott spricht, ist das Himmelreich wie ein gefundener Schatz, eine gefundende Münze, ein großgewachsener Baum, der reiche Früchte trägt, also ist das eine Freude in Fülle, die Freude des Findens, die nicht mehr von einer Angst vor Verlust verschattet wird. Aber wie kann man die Freude des Findens erfahren, wenn man gar nicht gesucht hat? „Wer sucht, der findet“, sagt auch der Herr, aber das Problem ist nur, dass der Mensch gar nicht mehr aufbrechen kann, um sich auf die Suche nach Gott zu machen. Das ist eigentlich das Problem in der Weltgeschichte und in jedem Leben, finde ich.

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