Hört man uns?

Das Potenzial unserer Predigt – ein offener Brief an katholische Priester

Weltweit werden jedes Wochenende um die 450.000 Predigten von katholischen Priestern gehalten. Deren Reichweite  grenzt an die Milliardenhöhe. Es gibt keine Institution der Welt, die da nur annähernd herankommen würde. Es sagte einmal jemand, dass die katholische Predigt die Welt verändern könne. Tut sie das aber? Was folgt ist in der Form eines offenen Briefes an meine Mitbrüder im priesterlichen Dienst geschrieben. Damit arbeite ich aber zugleich etwas auf, was mich zutiefst persönlich beschäftigt. 

Die Predigt und die Vermittlung von Ideen

Es war eine der innovativsten Ideen der Welt in den 80er Jahren. So innovativ, dass VW 10 Jahre wartete, bis die Patente abgelaufen waren, um seine Idee „nachzuerfinden“ – und dann nur teilweise. Mein Großvater war ein genialer Erfinder. Er hatte die genialsten Ideen, aber er konnte sie nicht vermarkten. In seiner besten Zeit hatte er 120 Mitarbeiter und konnte alleine vom Verkauf von Patenten leben. Japaner, Amerikaner und Russen haben diese auch fleißig gekauft, aber nur, um sie nicht umzusetzen. Seine Erfindungen waren so innovativ, dass man sie als gefährlich eingestuft hat. Seitdem beschäftigt mich dieses Thema sehr. Was hilft die beste Idee der Welt, wenn man sie nicht effektiv kommunizieren kann? Was hilft es zu wissen, dass es etwas gibt, wenn man nicht vermitteln kann, warum man es eigentlich braucht? Wir alle können aufgrund unserer Ausbildung eine Rede halten, von der Leute nachher sagen: „Wow! Das war eine gute Predigt!“ Aber war sie genial? Großartig? Lebensverändernd? Warum sind Verkäufer von Seife oder Uhren oder Telefonen oft effektivere Kommunikatoren als wir? Wir haben die beste Botschaft, den besten Inhalt, die genialste aller genialen Ideen. Mir persönlich ist es zu wenig, wenn mir dann gesagt wird: „Ja gut, aber unsere Botschaft fordert voll heraus. Unsere Botschaft ist nicht leicht zu schlucken. Es ist leicht, etwas zu verkaufen, das die Bequemlichkeit fördert.“ Ich kann gar nicht deutlich genug widersprechen. Menschen bringen enorme Opfer, um Seife zu verkaufen, eine goldene Medaille zu gewinnen, sich für eine politische Überzeugung einzusetzen. Warum? Weil es ein Warum gibt, das sie motiviert und inspiriert. Wir sind der Überzeugung, dass Jesus Christus zu den tiefsten Bedürfnissen und Sehnsüchten des Menschen spricht, seine größten Fragen beantwortet und die tiefste Sicherheit gibt. Wir sind der Überzeugung, dass Jesus Christus das Leben, der Weg und die Wahrheit der Menschen ist, dass „der Blick der Menschen aller Zeiten und Völker, aller Philosophien, Religionen und Kulturen zuletzt auf die weit geöffneten Augen des gekreuzigten und auferstandenen Sohnes Gottes trifft; sein geöffnetes Herz ist die Fülle der Liebe.“ (Papst Benedikt in Heiligenkreuz 2007) Wir sind der Überzeugung, dass „der Mensch vor allem ein Recht zur eigenen Größe hat, ein Recht auf das, was ihn eigentlich überragt. …In Christus hat der Mensch nun ein Anrecht auf solche Größe. Und die Kirche hat durch denselben Christus ein Anrecht auf das Geschenk dieses Menschen.“ (Johannes Paul II. in Fulda, 17.10.1980) Wir sind der Überzeugung, dass wir die einzige Antwort auf die einzige Frage haben, die am Ende wirklich zählt: was ist mit dem Tod? was ist mit dem Leben? Aber man hört uns nicht. Oder zumindest: Man hört uns zu wenig. Warum ist das so? Sicherlich wäre es eine grobe Vereinfachung, die Ursache nur im schlechten Predigen zu suchen. Außerdem sind viele von Euch ein echtes Vorbild von wirklich guter Vermittlung des Wortes. Aber ich glaube, wir haben so viel mehr Potential.
 

Die Predigt und die Macht der Worte 

Hier ein Beispiel: die erste Seite von Reaktionen auf ein Youtube Video, bei dem ich mich frage, warum wir das nicht schaffen:
„Dieser Mann weiß es, zu inspirieren…und wie man einen unglaublich großartigen Vortrag kreiert.“ „Unglaublich!!!! so wahr!!!!“ „Gewaltig!“ „Wahnsinn. Ich habe diesen Vortrag geliebt!“ „Ich liebe es, ich liebe es!“ „Er versteht Leadership, wahre Leadership, besser als irgendjemand, den ich jemals gehört habe – ich hoffe, ich schaffe es nur halb so gut darin zu sein wie er, andere zu lehren….ich wünschte, er wäre Politiker, nicht dass ich das für ihn wünschte, aber wir könnten seine Einsicht in der politischen Arena gut gebrauchen.“ „Großartige Einsichten, exzellente Präsentation…sehr informativ“ „Das hat meine Sicht der Welt und der Dinge völlig verändert. Danke.“ „Wow. Exzellent!“ „Was für ein Storyteller, Vortragender, wow!“ „Solch wunderbare Lehren. Dieser Vortrag hat die Dinge auf den Punkt gebracht und ist ein Muss für diejenigen, die Führungspositionen einnehmen“ „Dieser Typ ist unglaublich.“ „Amazing und einsichtsreich.“ „Wow…exzellenter und gewinnender Redner…wenn wir nur mehr solche Lehren in unseren Klassenzimmern hätten, eine Generation, die nicht mehr den Wert von menschlicher Beziehung zu schätzen weiß. Ich frage mich, wie viele ‚Leben du retten würdest‘ wenn Sie sich im Bereich Jugend engagieren würden?“ „Ich liebe ihn, er connected mit uns“ „Diese Rede sollte Pflicht sein und zwar überall“ „Ich könnte das 1 Millionen mal anhören und es wäre immer noch nicht genug. So SO gut.“ „Danke, dass Sie Ihre Einsicht mit uns teilen.“ „Sie sind ein wahrer Segen“ „Das hier ist inspirierend und wunderschön. Wahrlich großartig!“ „Beste Rede, die ich jemals in YT gehört habe.“ „Danke, das war stark“.
 
 
Natürlich predigen wir nicht, damit Menschen nachher solche Kommentare abgeben wie bei dem Youtube-Video von Simon Sinek, wo ich die soeben zitierten Reaktionen gefunden habe. Aber wenn wir nicht Menschen berühren wollen, warum predigen wir dann eigentlich? Wenn wir nichts vermitteln möchten, warum steigen wir dann überhaupt noch auf die Kanzel? Natürlich müssen wir leben, was wir predigen, natürlich sollten wir Angst vor Menschen haben, die viel von Gott aber wenig mit Gott reden, natürlich braucht es das Feuer (und nicht irgendeines, sondern das des Hl. Geistes) in unseren Herzen, bevor irgendjemand anders entzündet werden kann. Aber es kann mir doch nicht egal sein, ob die Leute bei meiner Predigt schlafen oder zuhören, berührt werden oder gelangweilt sind, oder schlimmer, in ihrer Ansicht bestätigt werden, dass Kirche völlig irrelevant für ihr Leben ist. Natürlich riecht man Selbstdarsteller von weitem. Ich erinnere mich immer noch an meine Magenbeschwerden nach einer brillanten rhetorischen Darstellung, wo ich aber das Gefühl nicht loswerden konnte, dass es dem Darsteller nicht um mich, sondern eigentlich nur um sein eigenes Ego ging. Ich hoffe, ich tue diesem Menschen unrecht, aber die Gefahr ist nur allzu groß. Wie oft sind menschliche Worte nur heiße Luft, leere Rhetorik oder noch schlimmer: Manipulation, Verletzung, Intrige. Gottes Wort ist da ganz anders, wie wir ja wissen. Gott sprach: „Es sei Licht!“ und es ward Licht. Er sagte: „Lazarus, komm heraus!“ und ein Toter stand auf. Er befahl: „Schweig!“ und eine große Stille trat ein, der Sturm legte sich, und zwar im selben Augenblick. „Folge mir nach!“ und ein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Er versicherte: „Geh hin in Frieden, deine Sünden sind dir vergeben“ und sie waren vergeben und er ging in Frieden. Ja, es ist beeindruckend, wie viele Spuren eine „I have a dream“- Rede hinterlassen kann. Aber wie viel mehr Sprengkraft steckt doch im Wort Gottes, weil es die ganze Wucht eines allmächtigen Gottes in sich birgt!  Natürlich wollen wir nicht unsere selbst ausgedachten Worte und Ideen und Meinungen predigen. Jesus Christus, sein Wort, wollen wir verkünden, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Deswegen hat ja echtes Predigen aus dem Wort Gottes heraus so eine Kraft, so eine Wirksamkeit. Es bewirkt brennende Herzen und vom Feuer entzündete Jünger und Verkünder. Wenn wir zulassen, dass das Wort zu uns spricht, wenn wir es nicht  manipulieren, wenn wir es zu uns und zu den Menschen reden lassen. Wenn wir nicht gewisse Stellen aus der Bibel auslassen oder überspringen.
 

Die Predigt und dessen Vorbereitung

 
Um es auf den Punkt zu bringen: Auch wenn ich glaube, dass viele von uns wirklich gut sind, so sind wir bei weitem noch nicht das, was wir sein könnten. Ich möchte in erster Linie mich selbst in Frage stellen und euch alle dazu einladen, dass wir besser kommunizieren, predigen, reden, vermitteln lernen. Ist es nicht nach dem Gebet und der Eucharistie unsere wichtigste Aufgabe? Wenigstens einmal in der Woche hat die Kirche durch die etwa 450.000 Priester wenigstens die gleiche Anzahl an Gelegenheiten, um  – entschuldigt den Ausdruck – „to rock the world“, oder mit den Worten von Papst Franziskus: „um die Welt aufzurütteln.“ Machen das unsere Predigten? Bemüht sich jeder von uns, egal wie gut er zu sein meint, in seinem Dienst am Wort besser zu werden? Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Ich habe gefühlte 100 Millionen Dinge zu tun. Jedenfalls immer mehr als ich eigentlich schaffen kann. Wenn ich mich nicht bewusst jeden Dienstagnachmittag vor die Eucharistie begeben würde, um dort meine Wochenendpredigt vorzubereiten, dann wäre sie erst 5 Minuten vorher fertig. Und wenn das geschieht, dann habe ich vielleicht den Abend überlebt, aber auch eine Chance vertan. Wenn ich nicht eine Gruppe von Menschen um mich hätte, die die Freiheit haben, meine Predigten auseinander zu nehmen, dann bekäme ich nie ein ehrliches Feedback, was ich besser machen sollte. Ich weiß nicht, wie ihr das macht, aber ich finde es enorm schwierig, echtes, ehrliches Feedback zu bekommen. Man muss die Menschen immer wieder erinnern, dass sie Erlaubnis dazu haben und mehr noch: dass ich sie darum bitte. Das ist dann zwar gut für die Demut und schwierig für meinen Stolz, aber eben auch gut für die Predigt. Wenn ich mir nicht bewusst Zeit nehme, um mehr über ein Thema zu lesen und den für mich inspirierendsten Kommunikatoren dieser Welt in Youtube oder auf Sound Cloud oder auf Vimeo oder auf irgendeinem Podcast zuzuhören bzw. anzuschauen, dann würde es nicht geschehen. Übrigens, vor Jahren hätte man SEHR teures Geld investieren müssen, um die besten Redner der Welt hören zu können. Heute sind sie einen Mausklick entfernt. Es wird uns immer leichter gemacht. Würde es sich nicht lohnen,  alles daran zu setzen, der Kirche eine neue Generation von Kommunikatoren des Wortes anzubieten, die nicht nur für den Herrn und sein Wort brennen, sondern es auch höchst effektiv vermitteln können? Was könnte der Herr alles durch uns in dieser Welt bewirken, wenn wir die Trendsetter der Kommunikation wären und nicht die Seifenverkäufer uns das erst zeigen müssten! Nichts gegen Seifenverkäufer.
 
 
Im Gebet verbunden,
P. George Elsbett LC
 
 
P.S. Hier ein paar Sachen, die mir geholfen haben bzw. helfen. Vielleicht ist auch für Euch etwas dabei. Es geht bei dieser Liste in erster Linie um die Frage, wie man das Thema vertiefen kann, wie man von den Besten lernen kann, weniger um praktische Tipps zur Handhaltung oder dem ABC der Rhetorik. Das kennt Ihr wahrscheinlich sowieso und dazu gibt es auch viele gute Bücher.
Hier also meine Inspirationsquellen:
 

+ Bücher: vor allem folgende:

  1. Chip Heath & Dan Heath, „Made to Stick – why some ideas survive and others die“ – eines der besten Bücher zum Thema Vermittlung von Ideen, das ich kenne.
  2. Robert McKee, „Story„. Mich hat es immer fasziniert, wie es möglich ist, dass ein guter Film Millionen von Menschen zutiefst berühren kann und das über große kulturelle Grenzen hinweg. McKee, der Drehbuchschreibguru, zeigt, dass großes Kino eigentlich genauso aufgebaut ist wie die griechischen Tragödien. Die Griechen haben etwas verstanden, das wir Christen in unserem Bemühen, den Relativismus durch reine Logik zu übertrumpfen, öfters vergessen haben: die Macht einer Idee, wenn sie in einer Emotion verpackt wird.
  3. Ed Catmull & Amy Wallace, „Creativity, Inc. – overcoming the forces that stand in the way of true inspiration“ – von den Gründern von Pixar. Hier ein paar Zitate aus dem Buch.
  4. Michael White, „Rebuilding your Message“ – die deutsche Version eines anderen Buches derselben Autoren ist soeben erschienen: „Rebuilt“ – Es hat auch einige gute Zusammenfassungen von einigen wichtigen Prinzipien.

+ Nicht überraschend: die TED talks, aber auch die TEDx Talks. Das oben erwähnte Youtube Video von Simon Sinek war zuerst TEDx, erst danach von TED aufgenommen. Ich finde es spannend, dass die TED Leute SEHR genau schauen, dass deren TED Talks 18 Minuten nicht überschreiten. Zugleich ist es interessant, dass die „erfolgreichsten“ TED Talks auch nicht viel kürzer als 18 Minuten waren. Das ganze Konzept von TED finde ich inspirierend und von der Länge her auch perfekt für unsere Samstagabend – Sonntagspredigten hier im Zentrum JP2. Natürlich ist die Predigt wieder ein eigenes Genre und in vielen Kontexten sollte sie nicht länger als 8 Minuten dauern, aber ich finde, von TED kann man sich einiges abschauen. Vielleicht findet Ihr es auch interessant. Hier ein link zu 5 der besten TED Talks zum Thema wie man einen guten TED Talk gibt (auf Englisch)

+ Was sagt uns der Papst zum Thema

+ Ein guter Start, auch wenn wir es sicherlich alle schon gelesen haben: was sagt uns Rom zum Thema Predigt? – das homiletische Direktorium.

+ Einfach mal eine Liste anschauen und die Top-Reden der Geschichte analysieren, auch wenn man da natürlich viel diskutieren kann, ob das wirklich die besten Reden sind.

  1. Die „35 besten Reden der Geschichte„.
  2. Die „10 besten Reden„.
  3. Die „100 besten Reden„.

+ Beispiele von Menschen, die gut kommunizieren können.

 
 Titelbild: © Thaut Images/Fotolia.de
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4 Comments

  • Such an important topic, Father George, and I hope this reaches many current and future priests. My mind is easily distracted, but I always found myself attentive and interested during your sermons (even when they did, ahem, cross that 18 minute mark). Also, your closing summation to each sermon is very endearing: „So yeah, anyways…“

    Keep up the awesome work.

  • Ihr Beitrag hat mich in der Tat sehr nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt, was ich mir eigentlich als einfacher Gläubiger von einer Predigt erwarte. Und das ist – zugegebenermassen leider – nicht besonders viel. Auf meinem geistlichen Weg habe ich einige, mich packende und mein Leben verändernde Predigten erlebt, die mir den Weg in die katholische Kirche eröffnet haben. Trotz dieser Erfahrungen erwarte ich mir von den regelmässigen Sonntagspredigten kaum etwas. Das sagt wohl etwas aus über die durchschnittliche Relevanz der Predigten für mein Leben. Andererseits kann ich nicht sagen, wie mein (geistliches) Leben ohne diese Predigten aussähe, wie relevant sie also wirklich sind.
    Über die handwerkliche Qualität der Predigten würde ich mich selten beschweren. Die meisten Predigten wirken vernünftig und gewissenhaft vorbereitet.

    Spannender fände ich, über Formen von Predigt nachzudenken, die außerhalb des Gottesdienstes, außerhalb eines Kirchenraumes stattfinden und wirklich Menschen für den ihnen bisher unbekannten Gott begeistern will, wo wie Paulus auf dem Aeropag in Athen.

    Vielen Dank auch für die kleine „linkbörse“, die mich einige Tage, wenn nicht länger, beschäftigen wird..
    LG thesaurus http://katholischeschatzkiste.blogspot.de/

  • Danke für Ihr Kommentar. Wahrscheinlich habe ich das nicht ausreichend vermittelt. Mir geht es nicht in erster Stelle um eine Form, sondern um eine Predigt, die genau diese Relevanz hat, die Sie vermissen. Es geht also um den Inhalt, das brennende Herz und die Authentizität des Predigers, die Fähigkeit diese Inhalte so rüber zu bringen, dass sie auch derjenige versteht, der sie hört und eben nicht nur versteht sondern davon berührt wird.

    Danke für den Impuls über Wege nachzudenken, wie man mittels einer anderen Art von Predigt, außerhalb des Gottesdienstes Menschen erreichen kann.

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