Ich will heilig werden. Wirklich. Und du?

Ich will heilig werden. Wirklich. Und du?

Ich habe mir heute versucht vorzustellen, wie mir wäre, wenn mich jemand mit dieser Frage konfrontieren würde. Willst du heilig werden?
Wäre es mir peinlich unangenehm? Im Tagesevangelium vom 1. Mai (vom hl. Josef dem Arbeiter) wird berichtet, dass Jesus seine Heimat besucht. „Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns […] Sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“ (Mt 13, 55-57) Das Gefangensein im Käfig der vermuteten Erwartungen der engsten Umgebung ist eines der großen Hindernisse auf dem Weg der Heiligkeit. Werde ich gelebt, oder lebe ich?

Die Welt braucht Heilige

Papst Franziskus hat vor kurzem sein programmatisches Schreiben zum Thema Heiligkeit veröffentlicht. Ich möchte es mir selbst, aber eben auch euch SEHR ans Herz legen. Es hat mich sehr beeindruckt, weil hier das Eigentliche zum Vorschein kommt, worum es diesem Papst seit dem Tag seines Amtsantrittes ging und geht: Das Bewusstsein dafür, dass das, was diese Welt heute vor allem braucht, Heilige sind: Weg von einer reinen Askese, hin zur Mystik, nein zur Mittelmäßigkeit, ja zur Radikalität des gelebten Evangeliums, nein zur Heuchelei, ja zum authentischen Glauben an Jesus Christus.

Heilig werden: Die Unterscheidung der Geister als wichtiges Mittel

Viele tun sich schwer mit diesem Papst. Schade. Schade, besonders dann, wenn man es nicht mehr zulässt, dass er uns aufrüttelt, gerade uns Christen zur Bekehrung aufruft. Viele haben ein Problem mit seiner immer wiederkehrenden Betonung der „Unterscheidung der Geister“ (das Herzstück des Ordens der Jesuiten, dessen Mitglied der Papst einmal ist).

Als er kurz nach seiner Wahl gefragt wurde, warum er meinte, dass der Herr in seiner Vorsehung gerade einen Jesuiten auf dem Papststuhl in dieser Zeit haben wollte, was er wohl „mit zum Tisch“ bringe, schoss er sofort zurück: „Die Unterscheidung der Geister“. Aber schon zu Beginn betonte er auch, dass die Unterscheidung nicht an erster Stelle ein Mittel im Dienst der Askese, sondern der Mystik sei. Das heißt, es geht nicht um die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Dafür haben wir die Zehn Gebote, das Liebesgebot usw. Das alles setzt die Unterscheidung voraus. Mehr noch. Die Unterscheidung setzt das voraus, was die Jesuiten die „heilige Gleichgültigkeit“ nannten, das heißt, die Bereitschaft, Gott einen Blankoscheck zu unterschreiben. Erst wenn diese Haltung vorhanden ist, kann man mit der Unterscheidung beginnen. Die Unterscheidung setzt daher schon einen Weg der Askese voraus. Oder wie es der Bruce Clewett beim Inspirationstag der Erzdiözese Wien so schön formulierte: „Jünger-schaft endet nicht mit dem Ruf der Apostel und ihrer Bereitschaft, ihre Netze zu hinterlassen. Jüngerschaft endet nicht mit dem Hinterlassen der Netze und der Boote. Im Gegenteil. Erst dann beginnt sie.“

Bei der Unterscheidung geht es also nicht um eine Entscheidung zwischen Gut und Böse, sondern um eine Unterscheidung und dann eine Ent-scheidung zwischen dem Guten und dem, was besser ist. Eigentlich noch radikaler: zwischen dem Guten und dem, was das Beste ist. Der Mystiker, der Heilige gibt sich nicht einfach mit dem Guten zufrieden. Er ist ständig offen für das Säuseln, aber auch für das Stürmen des Geistes, der uns zur Radikalität in der Liebe und in der Hingabe hinführt und antreibt.

Gemeinsam anspornen wahrhaft heilig zu werden

Papst Franziskus will nicht weniger als die Zehn Gebote, er will mehr. Das kann zuweilen unangenehm herüberkommen. Besonders dann, wenn man sich es im Guten bequem eingerichtet hat. Oder dann, wenn die Heiligkeit wieder als Selbstbestätigung der eigenen Leistungsfähigkeit und nicht als Antwort der Liebe angestrebt wird. Oder wenn man die Welt schon in die „Guten“ und die „Bösen“ eingeteilt hat, um sich damit eine Zone der Sicherheit und des Komforts zu verschaffen. Das alles empfinde ich persönlich als eine große Herausforderung. Und doch so erstrebenswert! Denn diese Zeiten verlangen etwas ganz anderes als Mittelmäßigkeit im Guten.

Der Papst will im Namen des Herrn an Menschen appellieren, die der Geist Gottes immer wieder neu aufrütteln darf. Menschen, die demütig und vertrauensvoll genug sind, um sich vom Geist führen zu lassen, wo auch immer die Reise hinführt.
Vielleicht kann das Schreiben doch dazu führen, dass wir sehr wohl diese Frage an uns heranlassen: Ich will heilig werden. Und du? Machst du mit? Wollen wir uns gemeinsam anspornen zum Guten, zum Besseren, zum Heiligen?

 

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