Aufnahme von Kurosch Borhanian - mit Erlaubnis.

[Theologie des Leibes Blog]
Der Garten

Meine Schwester Braut ist ein verschlossener Garten. Im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, hören wir, dass sich der Mann und die Frau in einem Garten befinden. Was ist dieser Garten? Worum geht es? Johannes Paul II. sagte, dass Genesis in einer mythischen Sprache geschrieben wurde. Was soll das heißen? Ja, es geht um die mysteriösen Anfänge des menschlichen Lebens, aber es geht auch um etwas anderes. Genesis kann man auf unterschiedlichen Ebenen lesen. Wenn man sagt, dass Genesis in einer mythischen Sprache verfasst worden sei, dann heißt das nicht, dass alles irreal ist. Es heißt aber sehr wohl, dass manchmal ein Bild viel mehr sagt als tausend Worte.

Meine Schwester Braut ist ein verschlossener Garten – ein schönes Bild. Die Braut ist eine „Schwester“ in dem Sinn (ganz wichtig für die damalige Gesellschaft, wo Frauen nicht gerade großflächig gleichberechtigt behandelt wurden), dass sie Respekt und Wertschätzung verdient, niemals als ein Objekt des Gebrauchs zu sehen ist, keine Sklavin, die man für die eigenen Interessen benutzen kann. Und dann kommt der Garten: Sie ist ein verschlossener Garten, der umzingelt ist von einem hohen Zaun, in dessen Intimsphäre ich nur eintreten darf, wenn sie aufmacht, oder wenn sie mir den Schlüssel gibt. Wenn jemand anderes dort einzutreten vermag, dann dazu, um den Garten zu pflegen, zu hegen, zu behüten, ihm gedeihen zu helfen und um das Beste aus sich herauszuholen. Das kann der Garten nicht von alleine, es braucht die Hilfe eines Außenstehenden. Sich beschenken zu lassen, sich vom anderen bereichern zu lassen, verlangt innere Größe. Es heißt Vertrauen – Vertrauen, das aber auch bewiesen werden muss. Ist das nicht ein herrliches Bild von dem, wie Ehe und Beziehung zu funktionieren haben?
In diesem Bild schwingen viele Themen mit: Freiheit, Respekt, Beschenktsein, Wertschätzung, Egoismus, Gebrauch, Begierde, Mut, Vertrauen, Risiko, das Beste für den anderen suchen, an den anderen glauben, auf dem Guten aufbauen. In Genesis befinden wir uns in einem Garten, in der Intimsphäre zwischen Mann und Frau. Dort gibt es eine Bildersprache, die genialst tiefgründig ist und uns über die Mann-Frau Beziehung, über Leiblichkeit, über Sexualität und was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein, sehr viel zu sagen hat. Es lohnt sich, die Sprache zu entziffern.

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