[Theologie des Leibes Blog]
Eva, Äpfel und Sexualität

Genesis spricht eine mythische Sprache, die es zu entziffern gilt. Wenn der Garten die Intimsphäre zwischen Mann und Frau ist, der Ort der freien Hingabe, aber auch der Annahme des Geschenks des anderen, was sind dann die Bäume und was ist der Baum, von dem man nicht essen darf, und was sind die Äpfel?

Wenn du liebst, dann siehst du dem anderen in die Augen. Welches Problem hatten Adam und Eva? Sie sahen einander nicht mehr in die Augen, „ihre Blicke wanderten nach unten, sie wurden gefräßig, gefräßig nach der Sexualität“ (Daniel Ange). Sie sahen nicht mehr in den anderen hinein, sie drangen nicht mehr zum anderen vor, zu Adam, zu Eva, sondern sie blieben außen an der Tür des Gartens stehen. Sie sahen nicht mehr den anderen, sondern das, was der andere ihnen geben würde. Es gibt Früchte, die man nicht ergreifen darf, ohne sie zu zerstören. Man kann sich nur beschenken lassen. Der Gefräßige ist nicht mehr frei, sich beschenken zu lassen, er muss an sich reißen. Und er kann nicht mehr in den Augen sehen, denn tief in seinem Herzen, vielleicht fast unbewusst, weiß er: „Ich liege daneben, ich bin jetzt verdreht“: Er muss seine wahre Absichten vor den anderen verbergen und in dem er es tut, verbirgt er sie von sich selbst.
Der Blick der Liebe ist so anders! Der Blick des Liebenden kann auch übrigens „nach unten wandern“, aber er muss es eben nicht. Mit einer großen inneren Freiheit schaut der Liebende mal in die Augen, mal auf den Leib. Beides kann Gegenstand der Liebe, aber auch des Egoismus sein. Schuld am Egoismus ist allerdings nicht der Leib, sondern das verdrehte Herz. Wo auch immer die Blicke des Liebenden landen, wird immer mehr als nur das Augenblickliche wahrgenommen: Die Liebe sieht den GANZEN Menschen, nur durch die Liebe wird der ganze Mensch erst wirklich gesehen. Die Schönheit des Leibes verursacht für den Liebenden Erstaunen, Bewunderung, Dankbarkeit, Respekt, Wertschätzung. Der Gefräßige ist blind für die wahre Schönheit, es geht ihm gar nicht darum, diese Schönheit des anderen zu kultivieren, zu bewahren, zu ergänzen, zu fördern. Es geht ihm oder ihr eher darum, physisch oder emotional zu konsumieren, aufzubrauchen, auszusaugen… Dass das so ist, sieht man zum Beispiel im Extremfall der Pornographie, die mit Schönheit aber auch gar nichts mehr zu tun hat.

Noch etwas. Es hieß soeben, dass der Liebende durch den Körper den Menschen selbst sieht. Und gerade weil das so ist, ist sein Blick nicht verdächtig. Ja, da gehören vielleicht Jahre des Ringens dazu – langsam, aber sicher, vielleicht nie vollkommen, kehrt Friede im Ringen ein. Oh, wie schön und wie befreiend ist dieser Zustand! Es ist nicht so, als würde der Liebende sich ständig zwingen müssen, die Schönheit des anderen zu verneinen, um ja nicht gefräßig zu werden. Er darf sich einlassen auf seinen Blick. Die Leiblichkeit und die Sexualität der Person des anderen Geschlechts sind kein Problem.
„Alles ist rein für die Reinen“, sagte der heilige Paulus. Da ist mehr als etwas dran. Der Liebende darf betrachten, er darf sehen. Es ist kein naiver Blick, als gäbe es kein Bewusstsein für die Sexualität. Im Gegenteil, der Liebende hat ein viel ausgeprägteres Bewusstsein für die Sexualität als der Gefräßige. Er entdeckt den anderen eben nicht, indem er wegschaut, sondern indem er hinschaut. Der Egoist will immer mehr sehen, aber tatsächlich sieht er immer weniger. Der Liebende muss nicht viel sehen, um viel zu sehen. Und gleichzeitig, wage ich zu sagen, ist der Liebende der einzige, der wirklich hinschaut, der wirklich sieht.

 

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