[Theologie des Leibes Blog]
Liebe ohne Masken

Nacktsein ohne Scham. Wenn Genesis davon  spricht, worum geht es da eigentlich? Um eine Vorlesung über Aktzeichnen? Um einen FKK Strand?

Scham entsteht dort, wo die eigene Intimsphäre ohne freie Zustimmung an die Öffentlichkeit kommt. Ich kann mich über eine von mir begangene schlechte Tat genauso schämen wie über eine von mir als schlechte wahrgenommene Tat. Was als „schlecht“ wahrgenommen wird ist nicht die Tat, sondern die Tatsache, dass es jetzt ohne mein Ok, auch andere wissen. Das will sagen: Scham ist ein Verteidigungsmechanismus gegen Freiheitsverletzung. Dass die große Zehe in der Öffentlichkeit gezeigt wird, verursacht keine Probleme. Das dies anders ist, wenn es um das Zeigen von Körperteilen geht, die mit der eigenen Sexualität zu tun haben, scheint darauf hinzudeuten, dass die Sexualität so mit dem eigenen Ich, der eigenen Identität, verwoben ist, das man sie nicht trennen kann. Mein Mann-sein, mein Frau-sein – nicht jetzt irgendwie abstrakt sondern ganz konkret und intim – macht mich aus, es ist so Teil von mir, dass ein unfreiwilliges Offenlegen dieser Sexualität, ein Zeigen dieses „ich“ an jemanden anderem nur dann von mir als richtig und passend empfunden wird, wenn man dies mit freier Zustimmung tut. Starke Wunden treten dort auf, wo man sich zu diesem Offenlegen gedrängt sieht. Man weiß: hier hat jemand klare Grenzen überschritten. Das darf er nicht. Eine Verletzung der eigenen Würde entsteht eben in dem Moment, in dem das eigene Recht auf Selbstbestimmung übergangen wird. Scham kommt immer dann auf,  wenn gemerkt wird: er nutzt mich jetzt aus. Scham verschwindet dann und in dem Maße, in dem die bedingungslose Liebe des Geliebten hervortritt. Nicht weil die Erfordernisse der Liebe, die Scham verursachen, nicht mehr da wären, sondern weil ihre Bedingungen erfüllt sind. Und das, nicht nur von Seiten der Frau, da sie jetzt merkt, ich werde nicht wie ein Objekt ausgenutzt sondern ich werde als ich selbst geliebt. Sondern eben auch Seiten des Mannes, der erstens selbst seine verborgene  Absichten nicht mehr verstecken muss, weil es keine gibt, und der zweitens merkt, dass die Frau sich ihm öffnet nicht um ihn an sich zu binden sondern um sich ihm zu schenken.

Das ist der springende Punkt. Denn manche behaupten, dass es völlig daneben wäre den Menschen Hoffnung zu machen, dass es in einer Liebesbeziehung, in einer sexuellen Beziehung oder einfach in der Beziehung zwischen den Geschlechtern in allgemein auch ohne Scham und Mauern geht. Das heißt, dass ein Mann eine Frau anschauen kann, auch ohne Gedanken zu haben, dessen er sich schämen würde, wenn er ihr diese Gedanken sagen müsste. Aber gerade die Anzweiflung dieser Vision führt oft zu Prüderie, zu einem ungesunden Umgang mit der Sexualität im Allgemeinen. Deswegen hat Christopher West so Recht, wenn er behauptet: hier geht es im Thema der Theologie des Leibes um den springenden Punkt, the pivotal question: was hat Jesus Christus unseren ungeordneten sexuellen Neigungen gebracht? Irgendetwas oder sind und bleiben wir Mauern- und Maskenmenschen, Menschen, die verdammt sein müssen sich gegenseitig zu verletzen und auf Ausbeutung und Egoismus ausgerichtet zu sein? Oh nein. Ja, der Weg zum „Nacktsein ohne Scham“ ist nicht immer einfach. Wer hat gesagt, Lieben sei leicht?  Aber es gibt nichts Schöneres, nichts, was uns mehr erfüllt.

 

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