Jeder Mensch erfährt Leid, aber wie damit richtig umgehen?

Die Hölle und die Unterscheidung der Geister

In der fünften und letzten Übung der ersten Woche seiner Exerzitien stellt Ignatius eine schwierige Aufgabe, nämlich die Betrachtung über die Hölle. Was hat es mit dieser Übung auf sich? Was ist der Hintergrund dieser Übung? Auf Anhieb kann der Leser in diesem Punkt einen starken Widerstand aufkommen spüren, denn nicht nur die Rede von der Hölle, sondern die ganze Art und Weise, wie Ignatius diese Betrachtung anstellt, scheint einem anderen Zeitalter zuentspringen und jeglichen Bezug zu unserer Gegenwart verloren zu haben. In der Tat wird diese Betrachtung in den Exerzitienbegleitungen meistens auch diskret  übergangen. Stattdessen spricht man lieber von einem mehr oder weniger harmlosen Überblick über die eigene Vergangenheit, in der alles schön und gut gewesen sein sollte.

Der eigentliche Zweck dieser Betrachtung scheint daran zu liegen, die “bösen Geister” des Unmuts, der Angst und der Verzweiflung ans Licht zu bringen und sie rechtschaffen zu untersuchen, um deren vernichtende Auswirkungen zu mindern und nach und nach zu tilgen. Das sind die Gefühle der schlechten Stunden, die übellaunigen Gemütslagen, in denen der Menschen sich verlassen fühlt und die Existenz als schwere Last wahrnimmt. Urteilt man nicht in diesen Stunden? Offenbar urteilt der Mensch doch oft nach seinen Gefühlen und in den dunklen Stunden des Leidens, der schweren Prüfung, er sieht nichts anderes mehr als eine völlige Aussichtslosigkeit, der er hilflos ausgesetzt ist. Hat ein Mensch noch nie eine schwere Niederlage erlitten, ist er noch nie drastisch gescheitert, so ist er sicherlich nicht in der Lage, diese Übung durchzuführen. Aber wer ist dieser Mensch, der noch nie im Leben, ganz gleich in welchem Alter,versagt hat? Das müsste ein sehr verwöhnter Mensch sein, aber das bedeutet auch, dass er nie etwas verfolgt hat. Er lebt ohne Leidenschaft, sodass das Leiden ihn nicht erwischen kann. Aber ein Mensch ohne Sehnsucht wäre vergleichbar mit Bild des Salzes aus dem Evangelium, ein Mensch, der nicht mehr salzig ist, oder mit einem Licht, das nicht mehr leuchtet. Wenn der Mensch hingegen für etwas glüht und sich leidenschaftlich hingibt, stößt er früher oder später auf heftigen Widerstand und wird mit dem Los der Menschheit im Ganzen konfrontiert, dass das Leben nicht einfach ist. Ist das eine triviale Aussage? Wahrlich, es ist so trivial, dass man diese Realität vielleicht sogar manchmal vergisst. Für jemanden aber, der den bitteren Geschmack einer Niederlage kennengelernt hat, ist die Erkenntnis Gottes nicht mehr so fern, denn er wird daran denken, dass er anscheinend von Gott verlassen worden ist.

Im Menschen steckt ein Hasspotenzial, das er nur für seinen Schöpfer reserviert. Auch wenn man nicht ganz im Glauben gelebt hat, kann man diesen Hass kennen: Wenn man zu sehr bedrängt wird. Für die Gläubigen ist es abereine viel größere Prüfung, wenn sie bis zu dieser Stufe der Nachfolge geführt werden sollten. Am Beispiel Hjobs zeigt sich die Heftigkeit dieses Gefühls ziemlich deutlich: Es ist nicht Hjob selbst, sondern seine Frau, die zu ihm sagt, dass er Gott verfluchen und dann sterben sollte. Was bedeutet dieses Bild der Frau? Nicht, dass wieder einmal alles Böse in der Welt der Frau zugeschoben wird, sondern ganz im Gegenteil: Es ist die Frau, die Krönung der Schöpfung Gottes, das Sinnbild der menschlichen Vernunft – denken wir an Eva, die zur Vollendung Adams geschaffen wurde – , die nun unter der furchtbaren Last des Leidens versagt. Die Frau Hjobs ist nicht bloß eine Figur, sondern die Symbolik für das Beste im Menschen, das aber nun zerbricht. Wenn die Vernunft des Menschen zu ihm sagt, wie die Frau Hjobs zu ihm sagte, er solle seinen Schöpfer verfluchen und sterben, dann ist das das eigentliche Bild der Hölle, in der gänzliche Verzagtheit herrscht. Die Verzweiflung ist hier gewollt, man beharrt darauf, Gott zu hassen und nicht mehr und nie mehr wieder seine Hilfe erwarten zu wollen.

Gewiss ist diese Betrachtung eine schwierige Übung, aber sie hilft dem Exerzitanten viel, wenn er gegen schwermutige Gefühle kämpfen muss. Es ist nur eine Seite, schließlich auch nur eine Sichtweise. Weshalb ist es so, dass der Mensch auch gute Momente erlebt, wo die Welt für ihn wie eine Zusage der Liebe erscheinen kann, wenn die Sonne scheint, ein frischer Wind weht und der Frühling zum neuen Beginn lockt? Dies ist nicht selbstverständlich, sondern sollte auch innere Gründe haben. Dann aber, wenn die schwarzen Wolken gewaltsam heranziehen und tagelang über der Stadt hängen, sollte nicht nur die Welt, sondern auch alles Sein nur eine glatte Lüge werden! Weshalb ist das so? Können diese unbeständigen Urteile wahr sein? Gerade eine solche Betrachtung darüber, dass es eine Wirklichkeit jenseits aller Gemütslagen gibt, die über allen relativen Einschätzungen und Urteilen erhaben herrscht, soll die Einsicht ermöglichen, dass nicht alles eine Lüge ist, sondern dass es eine Wahrheit gibt, die sich dem Menschen zuwendet, auf die er eingehen kann.

Die endlose Klage in der Hölle ist aber ein Seufzen, dass alles eine Lüge sei. Das ist die Verwesung der Seele, wenn ihre Kraft zum Leben durch so vieles Leiden vernichtet worden ist. Deshalb spricht Ignatius nicht nur von den Argumenten, sondern von der sinnlichen Vorstellungskraft, die in dieser Übung voll eingesetzt werden soll. Man soll sich vorstellen, wie es in der Hölle riecht, wie schrecklich der höllische Gestank usw. ist, denn diese Empfindungen sind nichts anderes als das Erlebnis der dunklen Stunden in der Gegenwart, wenn die Erinnerungen an leidvolle Erfahrungen der Seele den Kelch voller Bitterkeit heranzureichen scheinen.

Diese Übung endet, wie Ignatius vorschlägt, mit dem Gebet des Vater unser. Versinkt der Mensch darin, so scheint ihm klar, was jedes Wort im Vater unser zu bedeuten hat, gerade diese letzten Bitten: …Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen. Denn es gibt diese Möglichkeit, dass der Mensch nicht umsonst leben und sterben muss, sondern sinnvoll und erfüllt. Die Betrachtung der Realmöglichkeit eines letzten Neins zu Gott, eines verzweifelten Verfluchen dessen, der Halt und Leben schenkt, soll helfen, mit größerer Klarheit und Freiheit die Gegenwart zu leben.

Ignatius führt uns nach dieser Übung in die zweite Woche, in der es um die Beziehung zu Christus geht.

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