Lieben gegen den Strom

Lieben gegen den Strom

Wahnsinn! Inspiration pur! Papst Franziskus in Topform.

Gestern war Papst Franziskus in Turin und hielt vor jungen Menschen eine Ansprache auf Italienisch. Bislang konnte ich keine ausführliche Übersetzung finden. Die Ansprache wurde nur teilweise in Medien übertragen, deswegen habe ich den Text selber übersetzt. Ich fand die Rede unglaublich inspirierend.  Franziskus beginnt mit einem „Theologie des Leibes“-Thema, einer Analyse der Liebe. Danach spricht er über die Mission der Jugend heute. Sehr authentisch. Sehr tief. Sehr inspirierend. Ich kann nur einladen, den Text zu lesen, den ich hier (fast vollständig) wiedergebe und ersetzen werde, sobald es eine offizielle Version gibt.

 

WAS IST LIEBE?

 

„…der Wille zum Leben… Lebt! aber lebt nicht einfach recht und schlecht!

Ihr wisst, dass es schade ist, einen Jugendlichen zu sehen, der stehen geblieben ist, der lebt, aber der, erlaubt mir das Wort, der lebt wie eine Pflanze: Er tut die Dinge, aber sein Leben ist nicht ein Leben, das sich bewegt, es ist wie eingefroren. Wisst ihr, es füllt mein Herz mit Traurigkeit, wenn ich junge Erwachsene sehe, die mit 20 oder 30 in Pension gehen. Ja, sie sind jung alt geworden… Als Chiara mich über die Liebe fragte: Die Liebe ist das, was einen jungen Menschen davon abhält, in Pension zu gehen, ist der Wille zu lieben, der Wille das zu schenken, was den Menschen am Schönsten macht, was das Schönste an Gott ist. Denn  die Definition Gottes gemäß Johannes ist, dass „Gott die Liebe ist“. Und wenn ein junger Mensch liebt, lebt, wächst, dann geht er nicht in Pension. Er wächst, er wächst, er wächst und er gibt.
Aber was ist die Liebe? Es ist die Seifenoper, Herr Pfarrer! Das, was wir in den TV-Romanzen sehen!“ Und einige denken, dass das die Liebe sei… Aber die Liebe hat zwei Achsen, auf denen sie sich bewegt, und wenn eine Person, ein junger Mensch sich nicht auf diese beiden Achsen stützt, diese beiden Dimensionen der Liebe, dann ist es keine Liebe. Zuallererst: Die Liebe ist mehr in den Werken als in den Worten: Die Liebe ist konkret…. die Liebe ist konkret… Es ist keine Liebe einfach zu sagen „Ich liebe dich, ich liebe die ganze Welt“. Nein, was machst du für die Liebe? Die Liebe schenkt sich… Und die zweite Dimension, die zweite Achse, um die sich die Liebe dreht, ist, dass die Liebe kommuniziert, das heißt, die Liebe hört zu und antwortet, die Liebe schafft sich im Dialog, in der Gemeinschaft (communione): sie kommuniziert. Die Liebe ist nicht taub und nicht stumm, sie kommuniziert. Diese beide Dimensionen sind sehr nützlich, um die Liebe zu verstehen, dass es kein romantisches Gefühl des Momentes oder eine Geschichte ist, nein, sie ist konkret, in den Werken. Und sie kommuniziert, das heißt im Dialog. Immer.
Und so, Chiara, möchte ich auf deine Frage antworten: „Oft genug sind wir in der Liebe desillusioniert. Worin besteht die Größe der Liebe Jesu? Wie können wir seine Liebe spüren?“ Und jetzt, ich weiß, ihr seid gut und ihr werdet mir erlauben ehrlich zu reden. Ich möchte nicht den Moralisten spielen, aber ich will ein Wort sagen, das nicht gefällt, ein Wort, das nicht „in“ ist. Auch der Papst muss Dinge riskieren, um die Wahrheit zu sagen. Die Liebe ist in den Werken, in der Kommunikation, aber die Liebe ist sehr respektvoll dem Menschen gegenüber, sie nutzt den Menschen nicht, das heißt, die Liebe ist keusch. Und ihr seid junge Leute in dieser Welt, in dieser hedonistischen Welt, in dieser Welt, wo nur der Genuss beworben wird, eine schöne Zeit, ein schönes Leben zu haben. Ich sage euch: seid keusch, seid keusch.
Wir alle sind in unserem Leben durch Momente gegangen, in denen es sehr schwer war, diese Tugend zu leben. Aber es ist der Weg einer authentischen Liebe, einer Liebe, die das Leben zu geben weiß, die nicht danach trachtet, den anderen für das eigene Vergnügen zu gebrauchen. Es ist eine Liebe, die das Leben des anderen Menschen als heilig ansieht: Ich respektiere dich, ich will dich nicht gebrauchen, ich will dich nicht gebrauchen. Es ist nicht einfach. Wir alle kennen die Schwierigkeiten in der Überwindung dieser „mach-es-dir-einfach“-Sicht und hedonistischer Sicht der Liebe. Entschuldigt mich, wenn ich euch eine Sache sage, die ihr euch nicht von mir erwartet habt, aber ich bitte euch: Bemüht euch um eine keusche Liebe.
Und davon wollen wir eine Auswirkung beleuchten: Wenn die Liebe respektvoll ist, wenn die Liebe in den Werken ist, wenn die Liebe in der Kommunikation ist, dann opfert sich die Liebe für die anderen auf. Schaut auf die Liebe der Eltern, von so vielen Müttern, von so vielen Vätern, die in der Früh müde zur Arbeit gehen, weil er sich um das kranke Kind gesorgt hat … das ist Liebe. Das ist Respekt. Das ist nicht einfach flott leben. Das ist – schauen wir auf ein Schlüsselwort – Dienst. Die Liebe ist Dienst. Dem anderen zu dienen. Als Jesus nach der Fußwaschung den Aposteln seine Gesten erklärte, hat er gelehrt, dass wir für den gegenseitigen Dienst geschaffen worden sind. Und wenn ich sage, dass ich liebe, aber dem anderen nicht diene, dem anderen nicht helfe, den anderen nicht unterstütze um voranzukommen, mich für den anderen nicht aufopfere, das ist nicht Liebe. Ihr habt das Kreuz (des Weltjugendtages) getragen: Das ist das Zeichen der Liebe. Diese Liebesgeschichte Gottes, gelebt in den Taten und der Kommunikation, mit dem Respekt, Vergebung, Geduld mit seinem Volk durch die Jahrhunderte hindurch, dort endet diese Geschichte: sein Sohn am Kreuz, der größte Dienst, der in der Hingabe des Lebens besteht, in der Selbsthingabe, im Dienst am Nächsten. Es ist nicht leicht über die Liebe zu reden, es ist nicht leicht die Liebe zu leben. Aber mit diesen Dingen, die ich gesagt habe, habe ich dir, Chiara, Antwort gegeben, ich glaube ich habe dir bei etwas geholfen, in den Fragen, die du hattest. Ich weiß nicht, ich hoffe, die Antworten sind dir nützlich.

GEGEN DEN STROM LIEBEN

Und danke auch dir, Sara, Leidenschaftliche des Theaters. Danke. „Ich denke an die Worte Jesu: das Leben geben.“ Wir haben soeben davon gesprochen. Ja, weil es Situationen sind, die uns zum Nachdenken bringen: „Aber, lohnt es sich so zu leben? Was kann ich mir von so einem Leben erwarten?“ Denken wir an diese Welt, an die Kriege. Ich habe manchmal gesagt, dass wir im 3. Weltkrieg leben, aber aufgeteilt in Teilen. In Stücken: Krieg gibt es in Europa, Krieg gibt es in Afrika, Krieg gibt es im Nahen Osten, auch in anderen Ländern gibt es Krieg … und kann ich in so einen Leben Vertrauen haben? Kann ich in den Entscheidungsträgern der Welt vertrauen? Ich, wenn ich einen Kandidaten wähle, kann ich darauf vertrauen, dass er mein Land nicht in den Krieg führen wird? Wenn du nur auf Menschen baust, dann hast du verloren. Eine Sache macht mich bedenklich: Leute, Wirtschaftsleute, Leiter, die sich Christen nennen und Waffen produzieren! Und das verursacht Misstrauen: Sie nennen sich Christen! „Nein, nein, Pater, ich produziere sie nicht…nein, nein… ich habe nur meine Ersparnisse, ich investiere in die Waffenfabriken!“ Ah,  und warum? „Weil die Zinsen ein wenig höher sind“. Auch das Doppelleben ist heute Alltag: eine Sache sagen, eine andere tun, Heuchelei … Aber schauen wir, wie es im letzten Jahrhundert zugegangen ist: in `14, ’15… da war die große Tragödie Armeniens. So viele sind gestorben. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber sicher mehr als eine Million. Und wo waren die damaligen Machthaber? Sie schauten in die andere Richtung. Warum, weil sie sich für den Krieg interessierten: deren Krieg! Und die, die sterben, sind Menschen zweiter Klasse. Und dann, in der Dreißigern, die Tragödie der Schoah. Die Großen Machthaber von damals hatten ja die Bilder der Eisenbahnschienen, die die Züge Richtung Konzentrationslager wie Auschwitz gebracht haben, um die Juden, aber auch die Christen, auch die Zigeuner, auch die Homosexuellen umzubringen, um sie eben dort umzubringen. Aber sagt mir, warum haben sie das nicht bombardiert? Die Interessen! Und ein wenig später, fast zeitgleich, die Lager in Russland: Stalin … wie viele Christen haben dort gelitten, sind dort umgebracht worden? Und die Großen haben Europa wie eine Torte aufgeteilt … Es mussten so viele Jahre vorübergehen, bis es zu einer gewissen Freiheit kam. Das ist die Heuchelei, wen man über Frieden redet, aber Waffen produziert, und oft genug, um die Waffen den beiden Seiten zu verkaufen, die miteinander im Krieg stehen.
Ich verstehe das, was du sagst, über die Herausforderung des Lebens, auch heute leben wir eine Kultur des  Wegwerfens. Denn das, was nicht wirtschaftlich von Nutzen ist, das wirft man weg. Man wirft die Kinder weg, weil man sie nicht bekommt oder weil man sie umbringt, bevor sie geboren werden. Man wirft die Alten weg, weil sie nichts nutzen und man lässt sie dort, um zu sterben, eine Art verborgene Euthanasie, und man hilft ihnen nicht zu leben; und jetzt schmeißt man die jungen Leute weg: ich denke an die 40 % der Jugend,  die ohne Arbeit ist. Und das ist eine Wegwerfkultur! Warum? Weil im weltweiten Wirtschaftssystem nicht der Mann oder die Frau im Zentrum stehen, wie es Gott will, sondern der Gott Geld. Und alles macht man um des Geldes Willen. In Spanisch sagt man, „por la plata baila el mono.“ Ich übersetze: „Um des Geldes Willen tanzt sogar der Affe.“ Und so, mit dieser Wegwerfkultur, kann man dem Leben vertrauen? … Ein junger Mensch, der nicht studieren kann, der keine Arbeit hat, der sich schämt, weil er denkt keine Würde zu besitzen, weil er nicht arbeiten kann. Wie oft enden solche junge Menschen in den Abhängigkeiten? Wie viele bringen sich um? Die Statistik der Jugend-Suizide kennt man nicht genau. Oder wie oft gehen diese junge Leute Weg, um mit den Terroristen zu kämpfen, um wenigstens etwas für ein Ideal zu tun? Ich verstehe diese Herausforderung. Und aus diesem Grund sagte uns Jesus, dass wir nicht unser Vertrauen aufs Geld setzen sollten, in die Mächte der Welt. Wie kann ich mich dem Leben anvertrauen? Wie mache ich es, dass ich ein Leben leben kann, das nicht zerstört, das kein Leben der Zerstörung ist, ein Leben, das die Menschen nicht wegwirft? Wie ein Leben leben, das mich nicht enttäuscht?
Und ich gehe über auf die Frage von Luigi: Er sprach von einem Projekt des gemeinsamen Teilens, der Zusammenarbeit, des Aufbaues. Wir sollten mit unseren Aufbauprojekten weiter gehen, und dieses Leben enttäuscht nicht. Wenn du dich da einbringst, in einem Aufbauprojekt – denken wir an die Straßenkinder, an die Migranten, an so viele Bedürftige, aber nicht nur, um ihnen einen Tag lang zu essen zu geben, sondern sie durch Erziehung, usw. zu fördern … was auch immer wir aufbauen, wenn wir es tun, dann schwindet auch das Misstrauen im Leben, es verschwindet. Was muss ich dafür tun? Nicht zu früh in Pension gehen: engagiert euch, engagiert euch! Und ich würde eine Sache sagen: Geht gegen den Strom. Geht gegen den Strom. Für euch junge Leute, die in dieser wirtschaftlichen, kulturellen, hedonistischen, konsumistischen Welt voll von Seifenblasenwerten lebt – mit diesen Werten kommen wir nicht weiter. Seid konstruktiv, macht Dinge, die konstruktiv sind, auch wenn sie klein sind, aber die uns einen, die uns unter uns in unseren gemeinsamen Idealen vereinen: Das ist das beste Gegengift gegen das Misstrauen im Leben, gegen diese Kultur, die uns nur das Vergnügen bietet: Dass es uns gut geht, wenn wir Geld besitzen und nicht an andere Dinge denken.
Danke für die Frage. Luigi, ich habe dir teilweise geantwortet, oder? Geht gegen den Strom, das heißt, seid mutig und kreativ, seid kreativ …

So oft will die Werbung uns überzeugen, dass etwas schön ist, dass etwas gut ist, und sie überzeugt uns, dass es Diamanten sind; aber schaut, sie verkaufen uns Glas! Und dagegen sollten wir uns stellen, seid nicht naiv! Kauft nicht Dreck, den man als Diamanten verkauft. Und am Ende möchte ich ein Wort von Pier Giorgio Frassati wiederholen: Wenn ihr im Leben etwas im Gutes tun wollt, dann lebt, lebt aber nicht einfach recht und schlecht (vivete, non vivacchiate)!  Aber ihr seid klug und werdet mir sicher sagen: „Aber Herr Pfarrer, sie reden so, weil sie im Vatikan sind, sie haben Monsignori, die Ihnen die Arbeit machen, sie sind ruhig und wissen nicht, was das Leben ist …“ Tja, jemand könnte so denken. Das Geheimnis besteht aber darin, zu wissen, wo man lebt. In diesen Regionen (Turin) am Ende des 19. Jahrhunderts waren die schlimmsten Bedingungen für die Jugend: Die Freimaurerei in vollem Schwung, auch die Kirche konnte nichts tun, es gab die „Mangiapreti“ (Die Priesterfresser), es gab auch die Satanisten … einer der ärgsten Momente und schwierigsten Orte in der Geschichte Italiens. Aber wenn ihr eine schöne Hausaufgabe machen wollt, schaut mal nach, wie viele Heilige gerade dann geboren wurden? Warum? Weil sie begriffen haben, dass sie gegen den Strom der damaligen Kultur und der damaligen Lebensweise schwimmen sollten. Die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit leben. Und wenn diese Wirklichkeit Glas und nicht Diamant ist, dann werde ich gegen den Strom schwimmen und meine Wirklichkeit schaffen, aber im Dienst an die anderen. Denkt an eure Heiligen eures Landes, an die Dinge, die sie geschaffen haben!
Danke, danke, vielen Dank! Immer Liebe, Leben, meine Freunde. Aber man kann diese Worte nur im Hinausgehen leben: Hinausgehen, um etwas hinauszutragen. Wenn du drinnen bleibst, wenn du stehen bleibst, wirst du im Leben nichts erreichen und dein eigenes Leben ruinieren.“

 

Titelbild: ©synto / Fotolia.com

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