Tagebuch einer Expedition. Tag 8.

Eine Cliffbar (Energieriegel) und los. Heute erstmal ohne Frühstück, denn dafür brauchten wir Wasser und das gab es nicht. Nur noch zwei Kilometer zur Forststraße, dann 13 km und 1400 hm hinunter zum Meer. Aber zwei Kilometer hier oben können ewig dauern. Es ging zunächst so weiter wie gestern, steiles Bushwhacking. Endlich kamen wir am fünften der fünf Seen an. Von der gegenüberliegenden Seite des Sees aus waren es nur noch 200 Meter zur Forststraße. Davon waren wir aber noch einen ganzen See, also etwa 700m entfernt.

Grizzlygefahr & wenn schlimmer nicht geht

Am Ufer entlang zur anderen Seite zu kommen war unmöglich, es war zu steil. Wir mussten also wieder weiter hinauf und schauen, ob es weiter oben ginge. Außerdem mussten wir über einen größeren Bach, der in den See hineinfließt. Im ersten Moment war es gar nicht klar, wie wir da drüber kommen sollten. Am Ufer des Sees sahen wir dann etwas Schwarzbärenkot, aber er war schon ein paar Tage alt. Dann aber zum ersten Mal in dieser Reise eine Grizzlyspur und direkt daneben einen SEHR großen SEHR frischen Haufen Grizzlykot. Wir mussten zurück in den Busch, wo sicher auch kurz davor der Grizzly gegangen war.

Ich musste lachen. Besonders, als es dann auch noch begonnen hatte zu regnen und der Aufstieg auf den steilen Hang damit noch schwieriger sein würde. Es war irgendwie alles so absurd. Viel schlimmer konnte es nicht mehr werden – und dann wurde es noch schlimmer. Wir begannen, laut zu singen: „He went into the bush, but the Grizzly came as well…Glory glory Halleluja! And his soul goes marching on!” Klar, etwas makaber, aber wir fanden es lustig und irgendwie passend.

Also, den Berg wieder hinauf. Eine gefühlte Stunde später waren wir dann nicht mehr 700m sondern 800m von der Forststraße entfernt, und es ging immer weiter hinauf. Wo sollte das noch enden? Wir mussten doch hinunter, nicht hinauf… aber vielleicht ist auch das wie im Leben, manchmal musst du einen ziemlichen Umweg machen, der schon mal echt herausfordernd ist, um hinunter zu kommen, dorthin, wo du sein willst.

Masken, Schönheit und Vergebung

Übrigens, vor ein paar Tagen ist noch etwas passiert, das die meisten von uns erst später mitbekommen haben. In der Wildnis bist du einfach nur du selbst. Du hast keine Masken auf, oder du verlierst sie zumindest sehr schnell. Zwischen zwei der Teilnehmer gab es an einem der Abende eine heftige Auseinandersetzung. Nennen wir die beiden mal Günter und Klaus. Sie waren vorausgeklettert, um zu schauen, ob wir nicht doch irgendwo einen flachen Ort finden könnten, wo unsere Zelte Platz haben würden. Sie mussten wieder einige Höhenmeter überwinden. Sie waren sowieso schon müde und außerdem hatten sie kein Wasser mehr. Dann gab es noch einen Verletzten und Klaus wurde so richtig emotional.

Günter kam als erster wieder zur restlichen Gruppe herunter, Klaus brauchte noch ein wenig. Aber dann ging Klaus direkt auf Günter zu und bat um Entschuldigung. Erst dann hat Günter uns die Geschichte erzählt und betont, wie sehr er von dieser Geste beeindruckt war, in einem Moment, wo er selbst noch so emotional geladen war, dass er sicher nicht die Kraft gehabt hätte, sich gleich zu versöhnen. Auch das ist Schönheit. Die Schönheit der Tugend, der Reife, des Über-sich-selbst-Herr-Werdens. Aber auch die Größe eines Menschen, der die Demut hat, die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen und um Verzeihung zu bitten bzw. die Demut, Vergebung zu gewähren. Freundschaft, die so etwas aushalten und daran reifen kann, das ist großartig, das ist schön.

Endlich sind wir auf der Anhöhe über dem letzten der fünf Seen angelangt. Dort finden wir sogar die Anzeichen eines Weges, den jemand offensichtlich von der Forststraße bis zum See hinauf angelegt hatte. Der war wirklich unsere Rettung. Die Forststraße war zwar am Ende nur 200 horizontale Meter von uns entfernt, lag aber etwa 400 Höhenmeter unter uns. Da einen Weg zu finden, hätte wieder ewig gedauert. Wir konnten uns sogar an einigen Stellen alter Seile bedienen, die zwar nicht mehr im besten Zustand waren, aber noch gut genug, um uns die letzten Höhenmeter zu erleichtern. Endlich sind wir auf der Forststraße. Jetzt heißt es, Gas geben. Die „Water Taxis“ sollten uns in etwa dreieinhalb Stunden am Anfang von „Narrows Inlet“ abholen.

Abstieg Narrows Inlet